Count Bass D – Dwight Spitz

Der Akai S-3000 und die MPC 2000 sind legendäre Geräte, die schon Beatbastlern, wie DJ Shadow und Dr. Dre zu Hits verholfen haben und jetzt hat auch Count Bass D die Möglichkeiten dieser zwei Maschinen voll ausgeschöpft und sein neues Album Dwight Spitz komplett und in Eigenregie auf ihnen produziert.
Das Album ist ein echtes Liebhaberstück und zeichnet sich vor allem durch seinen episodenartigen Charakter aus. Bei 26 Tracks fallen mehrere schon mal kürzer aus, aber das tut dem Hörspaß keinen Abbruch, ganz im Gegenteil. Eine angenehme Smoothness zieht sich wie ein roter Faden durchs ganze Album, die Samples sind sehr fein ausgewählt, teilweise auch etwas exzentrisch, und sorgen öfter mal für einen Aha-Effekt. Irgendwo hat man doch dieses Sample schon mal gehört. War’s in diesem Film? Oder auf dem Album? Auch bei kurzen Songs wechseln die Breaks öfter mal, so dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Die Texte passen, auch wegen der angenehm knarzigen Stimme Count Bass D’s perfekt zu den Beats, erzählen desöfteren kurze Geschichten aus dem Leben des Grafen Bass, wie zum Beispiel Geldknappheit nach der Geburt seiner Tochter, und man fühlt sich gleich in die „Golden Days“ des Hip Hop zurückversetzt. Besonders fett sind Seven Years, mit einem geschmeidigen Klarinetten-Sample und der Wahnsinnsstimme von Dionne Farris, und Aural S(ECT)s, das mit abgehackten und blubbernden Samples und einem Breakwechsel überrascht, der einem ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Das Album ist sicher nichts für Leute, die immer auf der Suche nach dem „Next Level-Shit“ sind, aber wie kann man so schön auf dem Track Real Music vs. Bu11$#!+ hören: „Real music’s gonna last. All that other bullshit is here today and gone tomorrow.“ In dem Sinne… viel Spaß und verpasst nicht den hidden track.
Thomas Mader
Offizielle Homepage:
http://www.countbassd.com
Black Rebel Motorcycle Club – Howl

Alles bleibt anders. Der Black Rebel Motorcycle Club ändert seinen Kurs von psychedelisch angehauchten Rocksongs hin zu Folk, Blues und Gospelklängen und bleibt sich gerade durch die musikalische Neuorientierung selbst treu. Herausgekommen dabei ist eine sehr schöne intime Platte, die nicht bis ins letzte Detail stimmig ist, was dem Charme und der Schönheit der Musik aber keinen Abbruch tut – ganz im Gegenteil.
1956 veröffentlichte Allen Ginsberg „Howl“, eines der bedeutendsten Gedichte des 20. Jahrhunderts und ein lyrischer Schlag ins Gesicht des prüden Wertkonservatismus und der künstlerischen Stagnation. Knapp fünfzig Jahre später folgt nun Black Rebels, eben nach jenem legendären Gedicht benanntes Album. Zwar werden sie mit ihrem Drittwerk nicht zur Speerspitze einer neuen Underground-Bewegung aufsteigen, wie dies Ginsberg innerhalb der Beat-Generation der amerikanischen 50er gelang, nichtsdestotrotz beweisen BRMC auf ihrem neuen Album eine auch im Independentkontext selten anzutreffende Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit, gepaart mit einer gehörigen Portion Risikobereitschaft, die zu begeistern vermag.
Fort ist er, der düster-dröhnende Rock mit seinen treibenden Rhythmen, der die ersten zwei Black Rebel Alben so maßgeblich charakterisierte, und der BRMC ursprünglich zum Erfolg verhalf. An seine Stelle tritt eine leise und entspannte Zurückgenommenheit. Gezupfte Gitarren, hier und da eine Mundharmonika, mehrstimmiger Gesang und Kompositionen, in denen die musikalische Bandbreite des amerikanischen Südens verarbeitet wird. Teils haftet den Songs noch etwas skizzenhaftes an, vereinzelt mögen die Gospel- und Countryklänge noch ein wenig bemüht wirken, aber genau in diesem Gefühl des Umbruchs, der erst halb fertigen Entwicklung, liegt auch der besondere Reiz von Howl, dieses schöne Moment der Spontanität. Und doch gibt es schon beim zweiten Hören des Albums auch Vertrautes zu entdecken. Jenseits aller Genre-Einordnungen bleibt die typische dunkle Grundstimmung der Musik bestehen, ebenso wie die Affinität zu repetiven Rhythmen und abstrakten, oftmals mit ambivalenter christlicher Symbolik behafteten, Texten. Howl ist für Black Rebel also kein radikaler Bruch mit der eigenen musikalischen Vergangenheit, sondern ein Kurswechsel, der anzeigt, dass diese Band sich in viele Richtungen entwickeln kann und dies auch will, selbst auf die Gefahr hin kommerziell zu scheitern.Und genau dort treffen sie wieder zusammen, die Band, das Album und sein literarischer Namensgeber: In der Gleichgültigkeit gegenüber Kategorien und Erwartungshaltungen und dem Hochhalten des Nonkonformismus. BRMC haben ihr bisher leisestes Album aufgenommen. Man muss halt nicht immer schreien, wenn man etwas zu sagen hat.
S. Ilona Rieke
Offizielle Homepage:
http://www.blackrebelmotorcycleclub.com/
Dälek – Absence

Bedrohlich wie ein Gewitter, dass sich in weiter Ferne schon angekündigt hat, prasselt Absence auf einen nieder. Ein ungezähmtes Monster von Album dröhnt aus den Boxen, deren Lautstärke am besten bis zum Anschlag auf + steht. Dumpfe Bässe lassen einem die Hosenbeine flattern, das Gescratche klingt wie Fingernägel, die langsam eine Schiefertafel hinunter schrammen dazu ein tosendes Soundgerüst aus Noiseelementen mit einem Rapper der im Auge dieses musikalischen Tornados steht. Das Newarker Dreigespann Dälek haben mit ihrem neuen Werk eine wuchtiges Album an den Start gebracht, dass wohl mit nichts zu vergleichen ist, was derzeit in Sachen Hip Hop unterwegs ist. Mir fallen allerhöchstens eine Handvoll Britcore Bands der frühen 90er ein, wie Gunshot oder Hijack, die vielleicht annähernd in diesem Soundgefüge anzusiedeln sind.
Dälek ragen mit diesem Album weit über den Tellerrand heraus und dürften nicht nur die Hip-Hop Klientel ansprechen, sondern auch Industrial- und Metalfreunde auf ihre Seite ziehen. Tendenzen dazu gab es schon in der 2004er Faust vs. Dälek Kollaboration Derbe Respect, Alder. Doch gegen Absence klingt selbst das wie ein laues Lüftchen. Die Atmosphäre dieses Albums ist dermaßen dicht, dass man unweigerlich in dessen düsteren Sog hineingezogen wird und von diesem bis ins kleinste Detail strukturierten Krach sofort eingenommen wird. Perfekt zahnt ein Song in den nächsten und es wäre vermessen den ein oder anderen davon hervorzuheben, da sie sich alle auf überirdischem Niveau bewegen.
Absence ist, wie es ein Songtitel schon sagt A Caged Beast und bestimmt kein Album, das man sich rund um die Uhr anhören kann. Wenn man sich aber erstmal darauf einlässt, bekommt man experimentellen Hip-Hop auf dem allerhöchsten Niveau geboten. Es ist schade, dass dieses Meisterwerk wohl nie große Stadien zu Gesicht bekommt, denn würde es mehr Hip-Hop dieser Güteklasse geben, bekämen die 50 Cents dieser Welt mal ordentlich den Hintern versohlt.
Jean-Christophe Bocquier
Offizielle Homepage:
http://www.deadverse.com/
Clueso – Weit weg

In seinem dritten Album Weit weg geht der Erfurter weiterhin konsequent den Weg, der sich schon auf seinem zweiten Album Gute Musik angedeutet hat. Weg vom Deutschrap, hin zum Reggae, zum Funk, zum Liedermacher. Als solchen bezeichnete sich Clueso sowieso immer schon selbst und macht’s wie sein Labelkollege Max Herre, den er auch auf dem Track Da wohnt so’n Typ featured. Leider auch für Fans von Max Herre kein besonderes Glanzstück. Man nimmt ihnen zwar die Rollen, die beide in dem Song einnehmen, ab, aber Text und Musik hinken der Idee hinterher. Und das Wort "Pimp" sollte man auf Deutsch sowieso nur mit einer gehörigen Portion Ironie verwenden. In der Kollaboration steckte jedenfalls mehr Potential.Aber es gibt auch echte Glanzstücke auf Weit weg. Vor allem die melancholischen Stücke sind Cluesos Stärke. So z.B. die erste Single Chicago, die von den Träumen und dem Tod eines Junkiemädchens erzählt und Mach’s gut, das von Begegnungen auf Flughäfen erzählt und davon, dass man oft Sympathien für Menschen empfindet, die man nur eine Sekunden in seinem Leben gesehen hat. Bleib hier hört sich wie The Police in ihren besten Tagen an. Gechillter Reggaebeat und dazu ein Text und eine Stimme, die sich einfach schön deutsch anhören und etwas mit der Musik beißen. Mit Immo rollt Clueso gemütlich über den Beat von Morgen Gestern und lässt doch noch ein Lächeln über die Gesichter derer, die den HipHop auf der Platte vermissen, huschen. Dank chilliger Gitarre ein echter Klassiker für Sonntage im Bett. Überhaupt merkt man, dass die Band aus echten Profis besteht. Da wo der Text zu wünschen übrig lässt, reißt sie es meistens noch raus. Weit weg hat sicher Höhen und Tiefen, nicht jeder Song ist Wahnsinn und man kann Clueso vielleicht vorwerfen, dass er zu glatt geworden ist, aber es lohnt sich, sich die Zeit zu nehmen in das Album reinzuhören, so wie man dass ja bei Clueso schon immer machen musste. Weit weg ist auf jeden Fall ein schönes Album, das sicher erst bei Livekonzerten sein ganzes Potential entfaltet. Viel Spaß und verpasst nicht den hidden track.
Thomas Mader
Offizielle Homepage:
http://www.clueso.de/
Marillion – Misplaced Childhood

Es geht eigentlich kaum dramatischer: Da gibt ein etwa einmeterneunzig großer, wehmütig dreinblickender Schotte den Jester und singt derart herzergreifend, dass man meinen könnte, dieser traurige Zustand hafte seiner ewigen Natur an. Fish von Marillion hatte eine der schönsten Stimmen seiner Zeit, er weinte mit jeder Silbe, und mit jeder Silbe spürte man seinen endlos langen Leidensweg nach, der über einsame Hotelzimmer, verlassene Spielplatze und Kneipen führte und schließlich in der Musik als solcher stillhielt. In erster Linie ging es um zerbrochene Liebe und Verlorenheit. Man wollte hineinspringen in die Musik, dabei sein, helfen. Aber irgendwie war dann zu spüren, dass man eigentlich schon mittendrin stünde, weil diese Probleme uns alle betrafen, und dann fühlte man sich wiederum verstanden.
Da gab und gibt es diese Fraktion, sie reicht von Viva-Moderatoren bis zu echten Kulturjournalisten, die es fein finden, sich über Marillion lustig zu machen. Sie empfinden „Misplaced Childhood“ als Kitsch, als überkandidelten Pomp-Pop. Sie haben ja keine Ahnung. Wie es ist, beim Hören von Fishs erschütterndem Gesang und den jaulenden Gitarren Rotherys eine einzelne Träne zu ganze acht Minuten lang die Wange hinunterfließen zu lassen, während das fünfteilige „Blind Curve“ ihr Sinn verleiht. Wie danach „Childhoods End“ kommt und das Bewusstsein, dass die Musik gleich schon wieder vorbei ist, und in der Musik liegt die Kindheit und in der Kindheit sind wir.
Gerade weil sie den Kitsch, der ja auch im wirklichen Leben vorkommt, so perfekt vertonten, war diese Band ihren Hörern ungleich näher als zwanzig amerikanische Songwriter zusammen. Es waren direkte Melodien, die Marillion spielten, eingebettet in lange Suiten. So passten sie perfekt in die Spalte zwischen dem damals (vor allem aufgrund ebendieser Band) aufkeimenden Neo-Progressive-Rock und Pop, wie man ihn aus den Achtzigern kennt. In den Neunzigern, der Dekade des sublimen Krachs, der Ironie und des Schmutzes, hätten sie damit kein Bein auf den Boden bekommen. „Misplaced Childhood“ war ein kommerzieller Achtungserfolg. Da hat das ganze Anstinken der Kritiker dann doch nichts genützt, und das ist gut so. Ausgerechnet der Markt sollte diesmal für Gerechtigkeit sorgen.
Henning Baucke
Offizielle Homepage:
http://www.marillion.com
System Of A Down – Mezmerize

Nachdem „Toxicity“ bei vielen Hörern Jahrhundert-Geltung erlangt hatte, machten System Of A Down mit dem (lang ersehnten, eifrig erwarteten) Nachfolger alles richtig. Sie variierten ihren Stil gerade in dem Umfang, der noch nicht als Umorientierung, aber auch längst nicht als Auf-der-Stelle-stehen gewertet werden konnte, und schufen gerade mal elf Stücke, die es dermaßen in sich hatten, dass man ihnen die kurze Spielzeit – ähnlich wie vor zwanzig Jahren bei Slayer – kaum vorwerfen mochte. System Of A Down als die hoffnungsvollsten Vertreter des modernen Metal zu bezeichnen ist nicht ganz ungerechtfertigt. Aber es sollte bei solchen schnell dahingeworfenen Statements beachtet werden, dass sie streng genommen Vertreter einer Musik sind, die einzig und allein von ihnen selbst gespielt wird. Niemand sonst einverleibt derzeit eine solch eloquente Vielfalt an Ideen in seinen Songs und schafft es kompromisslos, die entsprechenden Zielgruppen wunschlos glücklich zu machen, ohne die schwierige „Die Hard“-Fanfraktion zu vergraulen, die nicht auf Eklektizismus und Postmoderne steht. Dabei bleibt die Band im Unterschied zu „Toxicity“ auf „Mezmerize“ immer im melodiösen Bereich und schränkt die Brachial-Attacken auf ein songdienliches Niveau ein. Der gestandene Rocker genießt hier den Highlightrefrain von „Sad Statue“ und schunkelt noch zum flockigen ‚armenian theme’ von „Radio/Video“. Schräg ist das alles. Sehr schräg. Und es macht von vorne bis hinten Spaß. System Of A Down bleiben weiterhin neu.
Henning Baucke
Offizielle Homepage:
http://www.systemofadown.com/
Deutschrap ist tot!

Der deutsche Raprasen wächst querbeet ausschließlich auf amerikanischem Mist und wo der fehlt, da wächst kein Gras. Ohne Shit, kein Gras. Ohne Gras, kein Rap. Word? Oder gab es nicht doch vor nicht allzu langer Zeit etwas, was man als eine eigenständige deutsche Hip Hop Kultur bezeichnen könnte? Eine Zeit bevor Sido nicht mit Bushido konnte und Eko Fresh aber mit Olli Pocher. Ein Spirit der sich wie ein grünes Band durch das Land zog. Wo Tapes, wohl kurz vor ihrem ökonomischen Ende stehend, wieder zu einem gefragten Medium wurden.Eine Zeit als die weiten Hosen in Deutschland noch nicht allzu lange in Mode waren und Rappen, Graffiti und auch Kiffen eine spannende und noch zu entdeckende urbane Welt für eine neue Kultur, der zu großen Teilen eben nicht städtischen Jugend bildeten. Man war mehr verranzt und kaputt als jiggy, chillte im Park, statt daheim von Mercedes und komfortablen Einfamilienhäusern wie sie 50-Cent hat zu träumen, und „one love“ war mehr als „alle Nutten dieser Welt“ die Kool Savas’ Schwanz lutschen konnten. In allen Städten formierten sich Crews, und selbst wenn man in eine 20 000-Einwohner-Stadt kam, gab es einfach die Jungs (seltener auch Mädels) die rappten oder auch breakten. Auch Skater gehörten damals noch fest in diese Szene. Die Texte der Vorbilder waren anspruchsvoll, wenn auch aus der Retrospektive nicht mehr alle, auf alle Fälle aber für die noch relativ junge deutsche Hip Hop Generation. Immer schwang auch dieser Vibe von einem alternativem Internationalismus mit, fernab von der wirtschaftlichen Globalisierung und oft vielleicht auch fernab der Realität. Authentisch fühlte es sich für die Mehrzahl aber trotzdem irgendwie an. Authentischer jedenfalls als sich das, was einem heute in Deutschland als Hip Hop verkauft wird, anhört. Vorausgesetzt man hört überhaupt noch hin. Viele Leute von früher haben ohnehin umgesattelt und fahren jetzt mehr auf Drum’n Bass, Elektro oder wieder vermehrt ältere Sachen ab, sei es Rap oder die Beatles. Deutschrap jedoch, der sich als Begriff ja ohnehin nie wirklich durchgesetzt hat, wird, wenn man sich so umhört im Bekanntenkreis, immer mehr zur Jugendsünde. Dieser Eindruck wird zum anderen dadurch verstärkt, dass diejenigen Interpreten die das Herz damals im ¾-Takt zum schlagen brachten, heute behaupten, sie hätten ja selber nie deutschen Rap gehört – „nur“ gemacht. Wo kam er her der deutsche Rap? Ja klar, ursprünglich aus Amiland. Allerdings lebte er sich gut ein hier. Zu perfekte Integration, würde man ihm in Berlin wohl vorwerfen. Wo ist er hin der deutsche Rap? Zurück in die Staaten? Nach Berlin? Sind sie Staaten nach Berlin? Er ist kaum wieder zu erkennen. Oder hab ich mich verändert, und mir fällt es erst jetzt auf, weil wir schon so lange nichts mehr von einander gehört haben. Jedenfalls spricht er nicht mehr meine Sprache. Es mag ja sein, dass deutsche Vororte stellenweise, Ähnlichkeiten mit den amerikanischen aufweisen, jedoch sind diese Gemeinsamkeiten verschwindend gering im Vergleich zu den Parallelen der Themen und Ausdrücke die sich in den Tracks wiederfinden. Um Missverständnissen vorzubeugen: Sozialkritischer Rap muss auch sein und ich hab auch nichts gegen ein bisschen destruktiven Rap einer alleingelassenen Minderheitenkultur! Es gibt halt Berlin-Wedding, Hamburg-Wilhelmsburg, Bremen-Tenever, Duisburg-Marxlohe, das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber jedem der mir auf das Defizit an Realness und dem Vorwurf der Monotonie, vor allem des gegenwärtigen Hauptstadtraps, mit „Komm doch ins Märkische Viertel oder nach Kreuzberg!“ kommt, kann ich nur entgegensetzen „Komm doch da raus!“. Noch ist Deutschland nicht USA und selbst dort gibt es eine größere Stimmenvielfalt, als derzeit im deutschen Rapsolo mit 10 Backups. Ist Deutschland vielleicht einfach zu klein um verschiedene Entwicklungen ein und derselben Musikrichtung auf einmal zu beherbergen? Oder ist es einfach eine neue Generation die sich eben von der anderen abheben muss wie es die Musikgeschichte schon so oft demonstriert hat. Bin ich nicht offen genug für dieses Neue, das jetzt in den Läden unter das Label „Deutschrap“ geschlüpft ist? Vielleicht tut man dem deutschen Untergrund auch unrecht. Vielleicht gibt es da irgendwo zwischen Abfluss und Kanaldeckel Rap der ins amerikanische übersetzt eher conscious als jiggy wäre. Aber wieso kommt der dann nicht in Turtels-Manier ab und an mal nach oben und schafft bessere Vorbilder für die deutsche Hoodlum-Jugend. Liegt es einfach an den mangelnden Hörern? In der Werbung verliert Sex immer mehr an Wirkungskraft, warum nicht im Rap? OK, man muss zugeben, dass KKS beispielsweise, neben einfach nur provokativ auch teilweise wirklich kreativ war, auch die Beathoven Beats in allen Ehren und Sido… Da haben wir’s wieder. Und mehr seh ich da gerade nicht. Es bleibt dabei: Der immer schon spürbar maßgebende Internationalismus im Deutschrap hat aufgehört zu reflektieren, ja sogar teilweise überhaupt zu übersetzen. Während früher das Motto war „Es ist nicht wo du bist, es ist was du machst!“ (FK), scheint die Frage wo man ist, respektive wo man herkommt inzwischen die einzig entscheidende zu sein. Man ist aus dem Block, oder man hat im diesem Genre einfach nichts verloren. Ich für meinen Teil hab die Message geschluckt und behalte die schönen Erinnerungen, wunder mich freudig darüber, dass es immer noch Leute gibt die gespannt auf das neue Album von Dendemann warten, und bin selber mehr gespannt, was die Zukunft so bringt. Immerhin ist Hip Hop international gesehen die Subkultur, die sich ihren Hype am längsten bewahrt hat und so wird sie sich wohl auch aus der deutschen Flaute nichts machen.Zum Schluss aber trotzdem noch mal für alle die es noch nicht mitbekommen haben oder an diejenigen die alles immer gerne schriftlich und offiziell mögen: Deutschrap ist erstmal tot und wenn noch jemand einen Vers auf seinen Grabstein schriebe, würde ihn das zwar wahrscheinlich auch nicht mehr zurückbringen, mich und wohl viele andere allerdings sehr freuen – wie ein nie gesehenes Foto aus alten Zeiten etwa.
In stillem Gedenken,
Juri Morasch
SAY HELL YEAH – Afu-Ra im Ting-Club, Bremen, 14. April 2006

Am 14. April war es endlich soweit. Afu-ra, "The Poisonous Taoist", "The Emcee with the Longest Dreads", sollte im Rahmen seiner "State of the Arts"drittes und gleichnamiges Album präsentieren. Hip-Hop Heads von nah und fern ließen den Ting-Club in Bremen aus allen Nähten platzen und bewiesen, dass Rap mit anspruchsvollen Texten auch zu Zeiten von 50 Cent-Überflutung noch treue Fans hat.Die Stimmung war gut und nachdem der von Afu in Berlin rekrutierte MC (sorry, Namen vergessen) endlich von der Bühne gebuht war und einen harten aber verdienten Schlag aufs Gangster-Ego wegstecken musste, trat der Meister endlich selbst ans Mic. Die vom Support-MC verbreitete Unlust zu tanzen war sofort wie verflogen und Afu, der als exzellenter Live-Künstler und für seine Tae-Kwon-Do Einlagen bekannt ist, legte auf seine charismatische Art gleich los und zog das Publikum in seinen Bann.Nach einigen Songs teilte sich das Publikum eindeutig in zwei Fraktionen. Die eine, die größere wie gesagt werden muss, bouncte und tanzte euphorisch und war auch nach der 100sten Wiederholung des alten "call-and-response" -Spiels nicht platt zu kriegen. Die andere fragte sich, ob es wirklich reicht, wenn ein US-MC auf der Bühne steht, "say hell yeah", "say fuck yeah" und "say oh yeah" im Minutentakt schreit, Strophen doppelt rappt und seinen Text vergisst, nur weil er wohl ein paar Sportzigaretten zuviel hinter der Bühne geraucht hat.
Die Songs vom neuen Album konnten bis auf Ausnahmen nicht wirklich überzeugen und Afu schien geistig und körperlich meilenweit von seiner Bestform entfernt zu sein. Auch mit seinem Dj, der wohl nicht genug Englisch verstand, um auf improvisierte Einlagen von Afu mit entsprechenden Beats zu reagieren, kam es immer wieder zu Unstimmigkeiten. In der zweiten Hälfte des Konzertes wachte er dann doch noch auf und rappte einige Klassiker seines Debut-Albums Body of the Lifeforce und auch der härteste Kritiker des Konzertabends konnte noch beim Kopfnicken beobachtet werden. Alles in allem kann man sagen, dass das Konzert hauptsächlich von der Energie des Publikums lebte. Eine charismatische Erscheinung kann jedoch offensichtlich problemlos über eine schwache Performance hinwegtrösten (oder –täuschen?). Ein deutscher MC wäre jedenfalls sicherlich nicht so glimpflich davongekommen.
Thomas Mader
Babyshambles – Down in Albion

„And if the whole world tells you ‘you are the one’, I think you’re hearing those voices again my son.“ Eine Sache die Pete Doherty stets ermöglichte über den Drogenexzessen, den Schlammschlachten der Presse und dem öffentlichen Chaos seines Lebens zu stehen ist seine Fähigkeit zu analysieren, clever zu kommentieren und alles und jeden, insbesondere aber sich selbst, mit einem koketten Augenzwinkern zu bedenken. Und dann war da natürlich noch die Musik der Libertines, neben deren charmantem und intelligentem Garagenrock mit Punkattitüde, Beatles-Melodien und leichtem Reggae-Einschlag, selbst die größte Boulevardschlagzeile wie die Belanglosigkeit wirkte, die sie ist. Aber die Libertines gibt es nicht mehr, oder noch nicht wieder, je nachdem wie man die Situation betrachten möchte. Fest steht, im Augenblick ist Pete Doherty allein – natürlich nicht wirklich, immerhin sind da noch seine Musikerkollegen von den Babyshambles – aber doch allein ohne seinen langjährigen Songwritingpartner und Mitverschwörer Carl Barat, der es so viel besser als sonst jemand versteht, die musikalischen Ideen und prägnanten Zweizeiler seines Freundes in die eigenen Kompositionen einzubinden, seine Songs im Kontext kohärent zu machen und zu mehr als einer losen Sammlung vielversprechender Ideenfragmente. Und wie fängt Pete Doherty diesen Verlust auf dem ersten Babyshambles-Album auf? Wie füllt er die Lücke, die Carl Barat hinterlässt? Um ehrlich zu sein, gar nicht. Down in Albion umfasst 16 Tracks, die klingen als wären sie eine erste Skizze; vielleicht für das nächste Libertines-Album. An guten Ansätzen und Abwechslung mangelt es nicht. La belle et la bete ist ein wunderschönes Lied über Eifersucht, dem die von Kate Moss hingehauchten Backingvocals und der rumpelnde Rhythmus einen hypnotischen Touch verleihen. Mit Fuck Forever ist eine wütende zwischen Bitterkeit und Hoffnung oszillierende Rockhymne am Start, „Pipedown“ erreicht locker die Eingängigkeit und Tanzbarkeit früherer Libertines-Singles, Sticks and Stones weiss durch die Verknüpfung von Reggae und Rock zu überzeugen und mit Albion ist schließlich sogar eine pointierte englische Sozialballade enthalten. Das Potential für ein rundum überzeugendes Album ist also gegeben. Und trotzdem kränkelt Down in Albion. Das liegt nur zum Teil daran, dass die überwiegende Menge der Songs nicht auskomponiert, sondern lediglich in ihrem ersten Stadium auf Band gepresst wurde. Viel entscheidender ist die schludrige Produktion bei der man sich fragt ob Mick Jones für oder gegen die Band arbeiten will und die jegliche Chance verschenkt Down in Albion ein Stück dringend benötigter Verknüpfung und Struktur zu geben. So klingt das Album dann auch in jeder Note wie eine verletzte, chaotische Version der Libertines oder aber nach dem zerrissenen Seelenleben seines Schöpfers. Das macht die Songs an sich weder besser noch schlechter, aber es macht sie schmerzhafter zu hören, betont es doch unablässig mehr jenes fehlende Element, als die vorhandenen Stärken. Andererseits, selbst wenn es das Album schwächt, hat soviel Mut zur Lücke und die noch immer entwaffnende Ehrlichkeit von Pete Doherty mit Sicherheit ihren Charme. So kommt es, dass Down in Albion seufzt und gemeinsam mit uns und Pete Doherty auf die Reunion der Libertines oder zumindest auf ein wenig Zielgerichtetheit wartet, allerdings nicht ohne uns bis dahin die Zeit mit bissiger Kritik und träumerischem Wunschdenken zu versüßen. Wie heisst es doch in Fuck forever? „How do you choose between death and glory? – Happy endings, they never bore me.“
S. Ilona Rieke
Offizielle Homepage:
http://www.babyshambles.net/
Audioslave – Out of Exile

Ich muss zugeben, dass ich die Trennung von Rage against the Machine nie wirklich gut überwunden habe. Somit war ich auch nie ein Befürworter der Formel, nach der 3/4 R.A.T.M und 1/4 Soundgarden eine gute CD ergibt. Sicher, das Erstlingswerk von Audioslave hatte seine schönen Momente und an so mancher Stelle blitzte sogar noch das ungezähmte Rockmonster vergangener Tage auf.
Out of Exile hingegen entpuppt sich als musikalischer Streichelzoo. Der Opener Your Time has come lässt einem noch einen Funken Hoffnung, dass doch noch alles gut wird; zu vertraut klingt das Gitarrenspiel Tom Morellos, dem man es zu verdanken hat, dass dieses Album überhaupt in manchen Momenten der Mittelmäßigkeit entschwebt. Out of Exile, der zweite Track nimmt schon ein wenig Würze raus und der Rest der CD rumpelt in Chris Cornells Singsang dahin. Im Gedächtnis bleibt davon selbst beim zweiten und dritten Mal Hören nichts. Die Songs sind wie Zuckerbrot und Peitsche: Ab und an bekommt man einen musikalischen Lichtblick zu hören, der sich dann aber ganz schnell als der Einheitsbrei entlarven lässt, den man hier die meiste Zeit in die Ohren geschmiert bekommt. Gerade bei Songs, wie Man or Animal oder Drown Me Slowly bekommt man das Gefühl, hier wäre mehr drin gewesen, hätte man den Sound nicht von Produktionsseite dermaßen glatt gebügelt, dass von der instrumentalen Rohheit am Ende nicht viel übrig bleibt.
Im Vergleich zu anderen vermeintlichen “Rockgrößen”, wie z.B. Nickelback oder Staind spielt dieses Album ohne Frage in einer anderen Liga. Aber von der geballten Rockhistorie, die sich hier an den Instrumenten befindet, kann man einfach viel, viel mehr erwarten als diese am Ende belanglose und enttäuschende CD.
Was macht eigentlich Zack de la Rocha dieser Tage? Vielleicht ist eine R.A.T.M.-Reunion der Weg aus dem musikalischen Dilemma… Man wird ja wohl noch träumen dürfen.
Jean-Christophe Bocquier
Offizielle Homepage:
http://www.audioslave.com/