Black Rebel Motorcycle Club - Howl

Alles bleibt anders. Der Black Rebel Motorcycle Club ändert seinen Kurs von psychedelisch angehauchten Rocksongs hin zu Folk, Blues und Gospelklängen und bleibt sich gerade durch die musikalische Neuorientierung selbst treu. Herausgekommen dabei ist eine sehr schöne intime Platte, die nicht bis ins letzte Detail stimmig ist, was dem Charme und der Schönheit der Musik aber keinen Abbruch tut - ganz im Gegenteil.
1956 veröffentlichte Allen Ginsberg „Howl“, eines der bedeutendsten Gedichte des 20. Jahrhunderts und ein lyrischer Schlag ins Gesicht des prüden Wertkonservatismus und der künstlerischen Stagnation. Knapp fünfzig Jahre später folgt nun Black Rebels, eben nach jenem legendären Gedicht benanntes Album. Zwar werden sie mit ihrem Drittwerk nicht zur Speerspitze einer neuen Underground-Bewegung aufsteigen, wie dies Ginsberg innerhalb der Beat-Generation der amerikanischen 50er gelang, nichtsdestotrotz beweisen BRMC auf ihrem neuen Album eine auch im Independentkontext selten anzutreffende Wandlungs- und Entwicklungsfähigkeit, gepaart mit einer gehörigen Portion Risikobereitschaft, die zu begeistern vermag.
Fort ist er, der düster-dröhnende Rock mit seinen treibenden Rhythmen, der die ersten zwei Black Rebel Alben so maßgeblich charakterisierte, und der BRMC ursprünglich zum Erfolg verhalf. An seine Stelle tritt eine leise und entspannte Zurückgenommenheit. Gezupfte Gitarren, hier und da eine Mundharmonika, mehrstimmiger Gesang und Kompositionen, in denen die musikalische Bandbreite des amerikanischen Südens verarbeitet wird. Teils haftet den Songs noch etwas skizzenhaftes an, vereinzelt mögen die Gospel- und Countryklänge noch ein wenig bemüht wirken, aber genau in diesem Gefühl des Umbruchs, der erst halb fertigen Entwicklung, liegt auch der besondere Reiz von Howl, dieses schöne Moment der Spontanität. Und doch gibt es schon beim zweiten Hören des Albums auch Vertrautes zu entdecken. Jenseits aller Genre-Einordnungen bleibt die typische dunkle Grundstimmung der Musik bestehen, ebenso wie die Affinität zu repetiven Rhythmen und abstrakten, oftmals mit ambivalenter christlicher Symbolik behafteten, Texten. Howl ist für Black Rebel also kein radikaler Bruch mit der eigenen musikalischen Vergangenheit, sondern ein Kurswechsel, der anzeigt, dass diese Band sich in viele Richtungen entwickeln kann und dies auch will, selbst auf die Gefahr hin kommerziell zu scheitern.Und genau dort treffen sie wieder zusammen, die Band, das Album und sein literarischer Namensgeber: In der Gleichgültigkeit gegenüber Kategorien und Erwartungshaltungen und dem Hochhalten des Nonkonformismus. BRMC haben ihr bisher leisestes Album aufgenommen. Man muss halt nicht immer schreien, wenn man etwas zu sagen hat.
S. Ilona Rieke
Offizielle Homepage:
http://www.blackrebelmotorcycleclub.com/