One reason to stay here? - Tracy Chapman im Hamburger Stadtpark, Hamburg, 16. Juni 2006

Montag, 26. Juni, 2006 at 11:08 Uhr vormittags (Konzerte)

 

Tracy Chapman. Eigentlich genügt dieser Name schon. Im Grunde ist doch alles gesagt. Kennen oder Kennenlernen! Wozu die alten Schubladen noch mal quietschen lassen? Klar Folk, klar damals ´88 für Mandela gesungen, yes sozialkritisch, qui spirituell, klar Gänsehaut, klar klar.
Tracy Chapman - sie kommt in Wohlfühljeans und Hoody unter der senfbraunen Lederjacke auf die Freilichtbühne im Hamburger Stadtpark spaziert, mit der gleichen bewussten, natürlichen Bescheidenheit, mit der wohl einst Jesus auf dem Esel nach Jerusalem eingezogen ist. Understatement? – Wohl kaum. Sie weiß was sie will, muss niemandem etwas beweisen, strahlt Selbstbewusstsein aus, macht ihr Ding. Sie lächelt und tatsächlich: Sobald sie am Mikrofon angelangt ist, ertönt ein berauschendes und ach so vertrautes „Halleluja“ – genauer gesagt Say Halleluja. Sie will nicht geehrt werden, sie will beehren und sowohl das Publikum als auch der Allmächtige zeigen sich beehrt. Und es hörte auf zu regnen und die Menschen frohlockten.
Okay, das Publikum hätte wohl auch bei einem einfachen „Hello“ gejubelt, und es hatte ein wenig vorher schon aufgehört zu regnen als ein schüchtern verlegener, aber gerade dadurch irgendwie sympathischer Sänger, namens Ben Taylor ganz alleine mit angenehmen Gitarrengeplänkel, Gesang und Bemerkungen über das Wetter eine entspannte Grundstimmung lieferte um das Wort zu empfangen.
Nach Say Halleluja folgt mit Mountains O’things eine Warnung vor der Kapitalismusfalle und kaum ist das Lied vorbei kommt auch die Absage an einen ihrer prominentesten Vertreter. „Do you have a president?“ fragt die Frau aus Cleveland/Ohio im amerikanischen Corn Belts und will sagen „Man habt ihr’s gut - wir nicht.“
Mit einer Mundharmonika ergänzt sie in Subcity ihre ehrliche Wertschätzung des Präsidenten (auf Crossroads von 1989; war also ursprünglich eher wohl eher Reagan als Bush gemeint), für sein Talent zur Geringschätzung. Spätestens bei Never Yours, dem ersten Lied vom aktuellen Album Where You Live, ihrem 7. Studioalbum, fühlt sich jeder in der bunt gemischten Menge wohl in seiner Gänsehaut. Tracy vereint sie alle, von 18-jährigen Mädels mit roten Dreads und bis hin zu 40-jährigen brünetten Müttern, die auch mit 18 schon keine Dreads hatten. Jedem, vom Tellerwäscher bis hin zum Millionär, zeigt sie die Kehrseite des amerikanischen Traumes auf:

“Money's only paper only ink We'll destroy ourselves if we can't agree How the world turns
Who made the sun
Who owns the sea
The world we know will fall piece by piece.”

Um die nachdenkliche Stimmung etwas aufzulockern, knüpft sie an die Entertainment-Strategie ihres Supports Taylor an und scherzt, „It was warm here when we arrived. I hope we didn’t bring the rain“. Dann überrascht sie doch noch mit einem kleinen musikalischen Pamphlet gegen das Sauwetter auf einem pumpenden, fast hiphopen Beat. Nach Talk To You, wieder einem Song von dem eher ruhigen neuen Album, darf die Band doch noch mal zeigen zu was sie fähig ist. Man kann sich vorstellen wie groß die Freude bei Kiki Epson am Keyboard, Joe Gore an Keyboard und Bass und Quinn an den Drums war, bei einer so stimmgewaltigen Sängerin, die die Instrumente in ihren Songs stets eher sparsam und gezielt als Untermalung einsetzt, mal loslegen zu dürfen.
Talkin’ Bout A Revolution bringt das Entzücken des klatschenden Publikums zum Höhepunkt und America, für das Tracy ihre helle Gitarre für eine dunkle Bass und je einer Trommel auf jeder Seite eintauscht, bildet einen, auf Tracys charmant bescheidene Weise, sehr fulminanten Abschluss: Ihr Schatten springt im Takt zum Trommeln hinter ihr auf der weißen Leinwand hin und her. Er scheint auf „Break it down!“ zu hören. Frau Chapman spielt abwechselnd Gitarre und Trommel, hatte im Laufe des Konzerts auch schon eine Mundharmonika im Mund und eine Laute in der Hand gehabt und dabei die meiste Zeit gesungen, ergo eineinhalb Stunden gute Musik geliefert. Sie gehört eindeutig zu den Künstlern, bei denen man live nicht enttäuscht wird. Das Konzert in relativ kleiner Runde hätte wohl auch auf CD aufgenommen werden können. „Thank you for coming tonight!” - und sie ist so schnell weg, wie sie gekommen ist. Nachdem sich das Publikum einige Minuten lang ausgetobt hat, kommt sie wieder und spielt Come As You Are von Nirvana und Baby Can I Hold You von ihrem selbstbenannten Debut-Album von 1988. Das sind 18 Jahre Tracy Chapman. Wir wünschen uns mehr davon.

Juri Morasch

Offizielle Homepage:
http://www.tracychapman.com/

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Xiu Xiu – La Forêt

Montag, 26. Juni, 2006 at 10:51 Uhr vormittags (Rezensionen)

Ein einzelnes grünes Blatt inmitten einer leeren weißen Fläche. Das war mein erster Eindruck von Xiu Xiu, der Band um Jamie Stewart, die seit vier Alben einen Sound kreieren, der sich schwer in Worte fassen lässt. Spärlichst instrumentierte, ja radikal nackte Stücke, dann wieder Soundflächen so weit wie der Himmel oder die Hölle, wahre Orgien an Samples und Wände aus bedrohlichem Lärm, ebenso Synthesizer, Akustikgitarre und Streicher - bei Xiu Xiu findet alles seinen Platz, aber nichts seinen Frieden. Und mittendrin ist sie dann, Jamie Stewarts Stimme, die alles zusammenhält und verbindet, die schreit, die fleht, die singt und ihre unglaublichste Präsenz in den leisesten Momenten erreicht, wenn sie kaum mehr ist als ein Flüstern, fast wie das leise Rascheln von Blättern im Wind.

All das wusste ich nicht, als ich das Album in die Hand und wenig später mit nach Hause nahm, um mich in den Wäldern Xiu Xius umzuschauen. Ich wusste nicht, dass hinter jedem Baum eine Gefahr lauern würde, dass der Wald sich nur sehr selten lichten würde, und wenn er es einmal tat, dass die vermeintliche Lichtung stets nur eine Illusion, eine Luftspiegelung war. Abgründe taten sich plötzlich ohne Vorwarnung auf, Verstörung setzte ein. Nein, mir gefiel es nicht in La Forêt mit all seiner elektronischen Kälte, seiner verstörenden Nacktheit und seinem lyrischen Spiel mit Begierden, Perversionen und auswegloser Einsamkeit. Ich wollte den Wald verlassen und mich nicht umblicken. Doch es kam anders.

Eines Morgens nach halbdurchwachter Nacht saß ich im Zug. La Forêt war scheinbar zufällig bei mir. So entschied ich mich den Wald ein weiteres Mal zu durchqueren. „I tried hard to be good to you“, wisperte Jamie Stewart mir zu, und auf einmal hatte ich das Gefühl La Forêt völlig neu zu entdecken. „It’s impossible to just keep on living, please don’t walk like my single hope. “ Ich hätte mich auf der Stelle in dieses wundervolle Laub wühlen und weinen können. Und der Wald zog mich tiefer und tiefer in seinen Bann. „There will always be a headless neck, there will always be happiness, there will always be a handless wrist to crush, there will always be your hopeful heart to disrespect. “ Es gab keine Umkehr mehr, selbst als der Wald selbst mich an seiner zehnten Weggabelung warnte: „Dangerous, you shouldn’t be here.“ Aber zu diesem Zeitpunkt war La Forêt der einzige Ort auf der Welt. „Is that your glass heart clinking?“

Bis ich aus dem Zug stieg wurden mir zwei Dinge klar: erstens, Xiu Xiu sind eine Band für alle Zeiten und zweitens, ganz sicher nicht für jeden Tag. Und was das einzelne grüne Blatt angeht… wenn man es beiseite schiebt entfaltet sich darunter ein schöner, dichter Laubteppich.

S. Ilona Rieke

Offzielle Homepage:
www.xiuxiu.org

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The Mars Volta - Frances the Mute

Montag, 26. Juni, 2006 at 10:45 Uhr vormittags (Rezensionen, Rock)

(Progressive) Kurz nach der Veröffentlichung ihres Debuts De-loused in the Comatorium gab Courtney Love dem Sänger und Texter von Mars Volta, Cedric Bixler, einen großzügigen, wenn auch ungefragten, musikalischen Rat. „Schreibt doch mal Songs!“, soll sie ihm empfohlen haben, „Richtige Songs mit Strophen und Refrain. Die Kids mögen so was!“ Und fort war sie wieder, ohne eine Antwort auf ihren Kommentar abzuwarten. Eine Art verzögerte Antwort kann sich dieser Tage nun jeder selbst anhören, denn Frances the Mute steht in jedem besser sortierten Plattenladen zur Entdeckung bereit.

Mit dem Ausblick auf knapp unter achtzig Minuten Spielzeit verteilt auf fünf Titel, die zum Teil mehrere Untertitel umfassen, und dem wie immer irritierenden Artwork von Storm Thorgerson wird dem Hörer schon vor der ersten klanglichen Erkundung einiges angetragen. Wenn die Musik dann losgeht, ist schließlich und letztlich alles aus, allem voran der Verstand, der sich aufgrund von Reizüberflutung erstmal zurückzieht. Macht nichts, denn denken muss man erst später wieder, wenn man beginnen will die einzelnen kunstvoll verwobenen Text- und Musikschichten des Albums zu begreifen. Fürs erste reicht es völlig aus sich in diesem Meer aus Progressive Rock, Latin, Punk, verfremdeten Soundsamples, Noise und stellenweise konzentrierter Stille treiben zu lassen. In diesem Meer aus durchdachtem Wahnsinn, verstörender Poesie, wahnwitziger Rhythmuswechsel und dieser bis an den schmerzhaft schmalen Grad zur weltvergessenen Selbstverliebtheit gehenden Vision von ganz großer Kunst. Im Gegensatz zum ersten Album der Band, das zwar ebenfalls komplex, ausufernd und streckenweise sperrig war, dabei jedoch stets durch die konzentrierte und durchdachte Produktion von Rick Rubin in gewissen Bahnen gehalten wurde, fällt bei dem von Mars Volta Mastermind Omar Rodriguez selbst produzierten Frances the Mute jede kontrollierende Instanz weg. Der einzige Maßstab von Mars Volta werden somit Mars Volta selbst. L’art pour l’art. So entsteht nicht nur die immer präsente Gefahr des völligen Realitätsverlustes, sondern auch eine Musik, die so abseitig ist, soweit entfernt von traditionellen Songstrukturen, dass sie vor allem genau dort einen Platz findet, wo Courtney Love keinen sah: in den Plattensammlungen, in den Köpfen, Gehörgängen und Herzen von Menschen, für die Musik viel mehr bedeutet als ein Strophe-Refrain-Schema.

S. Ilona Rieke

Offizielle Homepage:
www.themarsvolta.com

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Bruce Springsteen - We Shall Overcome

Freitag, 9. Juni, 2006 at 6:28 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

(US-Folk) Bruce Springsteen scheint ja mittlerweile so etwas wie Narrenfreiheit zu besitzen: Wäre solch ein Album auch schon vor 10 bis Jahren möglich gewesen? Oder hätte sich der Boss dort noch dem Diktat der Plattenindustrie unterwerfen müssen? Genau genommen ist diese Frage auch wirklich egal, denn es ändert nichts an der Tatsache, dass er gerade jetzt, wo Folk und vom Country beeinflusste Musik wieder an Relevanz und Akzeptanz zu gewinnen scheint – hier sei nur kurz auf die American Recordings von Johnny Cash und auf das grandiose I’m Wide Awake, It’s Morning der Bright Eyes verwiesen – ein pures Folk- und Country-Album aufnimmt. Bruce Springsteen geht nun allerdings noch einen Schritt weiter und nimmt sich Songs, die teilweise bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts in Schottland gespielt wurden, zur Brust. Die Meisten der Songs allerdings stehen in engem Kontakt mit Pete Seeger, dem Mitbegründer der Almanac Singers, jener Band, in der auch Woody Guthrie spielte und die zur Mitte des 20. Jahrhunderts quer durch die USA tourte um sich mitunter für politische Belange einzusetzen. Springsteen gab vor Veröffentlichung des Albums bekannt, dass er es nicht mehr mit ansehen konnte, wie solche Songs in Vergessenheit gerieten, geschuldet zumeist dem Umstand, dass nur noch wenige gute Aufnahmen der meisten Stücke existieren. Was macht der Boss also? Er nimmt sich kurzerhand zehn Musiker zur Hand, alle bewaffnet mit Saxophon, Trompeten, Violinen, Gitarren, Banjo und einem riesigen Upright Bass, schließt sich an drei Tagen in ein Studio und spielt alles live ein um die Energie der Songs zu bewahren. So kritisch Bruce Springsteen vielleicht auch bisweilen betrachtet werden durfte, so hat er sich doch spätestens mit dieser Großtat eines Albums zumindest bei dem Rezensenten auch jene Narrenfreiheit erspielt, die Mr. Springsteen sich vor den Aufnahmen selber zugestanden hatte. Wo außerhalb der USA könnte so ein Album tatsächlich ein Megaseller werden? Wahrscheinlich aber geht es gerade hier nicht um das verkaufen, sondern um das machen. Es wird wohl Zeit, Bruce Springsteen und sein Werk in einem anderen Licht zu betrachten.

Wer hätte gedacht, dass Squaredance so viel Spaß machen kann?

Kai Wehmeier

Offizielle Homepage:
http://www.brucespringsteen.net

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Archive - Lights

Freitag, 9. Juni, 2006 at 2:01 Uhr nachmittags (Rezensionen)


(Trip-Hop) Massive Attack haben vor kurzem eine Best-of-Platte veröffentlicht, ob von Portishead noch jemals ein Release ansteht ist – aufgrund des wunderbaren Beth Gibbons-Solos aus dem Jahr 2002 – mehr als fraglich, und Tricky jodelt mitunter mit Ed Kowalczyk von Live. Was also bleibt von dem, was zu Anfang der 90er von der Wild Bunch als Trip-Hop in die Welt gesetzt und zu Geld gemacht wurde? Die Antwort geben Archive. Die haben zwar nie zu dem eben genannten Kollektiv gehört und hatten sich auch mittlerweile von ihren Wurzeln gelöst und sich tendenziell Pink Floyd verschrieben, doch die neue Platte Lights wirkt bisweilen wie ein Schritt zurück zu den Anfängen, eben zum Trip-Hop. Der Fokus liegt im Gegensatz zum gitarrenschwangeren Noise und dem Bombast-Album You All Look The Same To Me wieder auf den elektronischen, schweren und schleppenden Sounds. Hinzu kommt, dass nach dem letzten Album kurzerhand der Sänger ausgetauscht wurde und nun Pollard Berrier, der in manchen Momenten Erinnerungen an Horace Andy aufkommen lässt, zumeist am Mikro steht und auch dem Songwriting bisweilen seinen Stempel aufdrücken konnte. So sind insbesondere die Songs, an denen Berrier mitarbeitete, die mitreißenden auf Lights: Sane, Sit Back Down und System sind allesamt veritable Tanznummern und Taste of Blood geht zur einsam gezupften Klampfe direkt ins Herz. Die einzige Besonderheit des Albums bildet der Titeltrack, Lights, ein fast 19minütiger Soundbrocken und Herzstück sowie Wendepunkt des Albums. Die Beats werden träger, der Sound hypnotischer und ruhiger, man spürt, dass sich das Album dem Ende zuneigt. Schließlich bleibt die Erkenntnis, dass Archive aufgrund der beiden recht mediokren Songs Fold und I Will Fade wieder einmal nicht ihr volles Potential haben ausschöpfen können. Manchmal würde man sich wünschen eine Band könne erkennen, wie besonders sie sein könnte.

Step by step you’re gonna make yourself feel better!

Kai Wehmeier

Offizielle Homepage:
http://www.archives-archive.com/


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