Sei schlau! Bleib dumm! (Teil 2)

Montag, 24. Juli, 2006 at 2:34 Uhr nachmittags (Wort)

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„Sei schlau! Bleib Dumm!“, so lautete der hier kürzlich veröffentlichte Artikel über Vorteile des kollektiven Ignorierens, der allerdings nicht ohne Antwort bleiben kann. Die mehr oder weniger privaten Ansichten von Morrissey und insbesondere Mariah Carey bildeten die Hauptstützen des Textes, und es lässt sich sagen, dass zumindest die Aussagen von Morrissey hinsichtlich des Vegetarierdaseins kontrovers behandelt werden können. Andererseits: wer, außer militanten Fleischessern – die ja eh keine guten Menschen sind – würde sich über Morrisseys Aussagen aufregen wollen. Auf der anderen Seite stand das tumbe Auftreten des Popprinzesschens Carey. Der Hinweis, „Sei schlau! Bleib dumm!“ hat Frau Carey selbst beherzigt und so ziemlich zur Perfektion getrieben. Dass diese Aufforderung dann aber für den Musikkonsumenten vielleicht ein bisschen zu einfach daher kommt, lässt sich gut an zwei Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit illustrieren:


Zunächst einmal sei auf Richard Patrick verwiesen, ehemals Mitglied der Nine Inch Nails und Kopf der Band Filter, die mit ihrem letzten Album „The Amalgamut“ laut eigener Aussage (oder nur der von Herrn Patrick?) eines der besten Alben überhaupt veröffentlichte. Spätestens hier hätte auch dem neutralen Beobachter auffallen müssen: es stimmt etwas nicht. So trug es sich zu, dass zur Promo-Interview-Tingeltangelfahrt durch Deutschland – der 11. September 2001 war kürzlich geschehen – Herr Patrick mehrere Interviews gab, in denen der bekannte Künstler weniger durch Informationen zu den jüngst beendeten Aufnahmen zum bereits genannten Megaalbum auffiel, als durch hysterischen Verfolgungswahn und Todesangst ob der konkreten Bedrohung, die durch den islamischen Terror ausgeht. Wie ein kopfloses Huhn soll Patrick durch das Zimmer gerannt sein, in heller Aufregung darüber, dass es immer noch Menschen gibt, die den nahenden Untergang nicht erkennen würden. Der geistige Dünnpfiff, der im weiteren Verlauf des Gespräches noch aus dem Herren heraussprudelte, lässt zumindest fragen: Will ich Käufer diesem Menschen, der den Eindruck erweckt, er könne ein Sprecher der Bush-Administration sein und wolle im Zuge dessen den ganzen islamischen Raum mit dem Christentum beglücken, und der darüber hinaus wahrscheinlich zu Hause seine NRA-Mitgliedschaft (finanziert von meinem Geld?) in Gold gerahmt stehen hat, ja, will ich solch einem Deppen – abgesehen von der Qualität der Musik – mein Geld in die Taschen stopfen? Nein, natürlich nicht! Apropos Filter: Was macht die Band eigentlich momentan? Oder anders: In welcher medizinischen Abteilung sich Richard Patrick wohl gerade aufhält?


Wahrscheinlich nicht in derselben, in der sich Pete Doherty herum treibt. Doherty ist im Augenblick sicherlich das beste Beispiel dafür, dass man als Musikkonsument nicht einfach nach dem Motto „Augen/Ohren zu und durch“ verfahren sollte. Ist die Sau, die momentan durch das Dorf respektive über den Boulevard getrieben wird, der Öffentlichkeit eigentlich bekannt weil er Musiker ist, oder weil er hauptberuflich ausgebildeter Spritzer mit dem Hang zum verspäten ist? Weiß Herr Doherty überhaupt, dass er sich verspätet? Weiß Herr Doherty überhaupt noch irgendwas? Und die „Fans“ bzw. Konzertbesucher, wissen die überhaupt noch irgendwas? Merken die was? Zum Beispiel wofür sie eigentlich ihr Geld hergeben? Gut, es hat noch keinen 16jährigen gestört, wenn Mutti und Papi 30 Euro weniger im Portemonnaie haben. Jedoch sollte schon in Frage gestellt werden, ob es sich lohnt den schnöden Mammon für einen Junkie herzugeben, der im besten Falle noch über die Bühne torkelt und sich dafür von der Meute, die sehr wahrscheinlich auf einen plötzlichen Bühnentod geifert, auch noch feiern lässt. So viel Spaß am Masochismus muss man erstmal haben! Vielleicht ist es übertrieben hier die Moralkeule zu schwingen, aber eine Frage soll erlaubt sein: Will ich den Drogenkonsum (und ich spreche hier nicht von Gras oder ähnlich „leichtem“) eines Menschen – abgesehen von der Qualität der Musik – wirklich unterstützen? Nein, ich glaube nicht. Eine zweite Frage schließt sich an: Wäre Pete Doherty nicht besser in einer Klink als auf der Bühne aufgehoben? Ja, wahrscheinlich. Aber dann wäre das ja alles nicht mehr so toll! Ist doch total cool, wenn Doherty nicht wie geplant um 22 Uhr sondern um 3 Uhr nachts spielt … UND DU WARST DABEI!!!! Oh mein Gott, einfach crazy. Da kann man ja den Kindern später einiges erzählen, was?

Vielleicht ist aber die Aufforderung „Sei Schlau! Bleib Dumm!“ tatsächlich eine gute Idee. Um noch einmal auf Mariah Carey hinzuweisen: Solange es nur um Silikon und Schuhe geht, ist dieser Hinweis tatsächlich sinnvoll. Dummheit beim shoppen und beim sich produzieren lassen kann keinen größeren Schaden anrichten. Richard Patrick und Pete Doherty allerdings sind der beste Beweis dafür, dass man schon einmal darüber nachdenken sollte, was der Künstler eigentlich sonst so mit seinem Geld anstellt und ob das tatsächlich von meinem Geld mitfinanziert werden sollte. Einfach weggucken gilt nicht! Auf der anderen Seite: Vielleicht sollte man gerade solche Künstler in ihrer Meinung weiter bestärken. Vielleicht hätte man Richard Patrick ja soweit bekommen können, dass er sich zum Dienst an der Front in Afghanistan oder im Irak durchgerungen hätte. Dann hätten wir wenigstens unsere Ruhe gehabt. Ein Versuch wäre es wert gewesen.

Kai Wehmeier

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Regina Spektor - Begin to Hope

Freitag, 21. Juli, 2006 at 12:25 Uhr nachmittags (Pop, Rezensionen)

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Achtung Achtung, Regina Spektor ist jetzt groß geworden. Nicht mehr niedlich. Zeilen wie “Maybe you should just cut your own hair, ’cause that can be so funny. It doesn’t cost any money and it always grows back. Hair grows even after you’re dead.” können wir uns an den Hut schmieren. Stattdessen tritt sie jetzt bereits im Video zur Single On the radio als Lehrerin mit der freundlichen Eiseskälte der Bundesministerin für Familien und Gedöns auf. Und auf dem Cover sogar ein bißchen sexy. Nicht, dass man ihr das mit ihren 25 Lenzen absprechen möchte. Nur sind solche moralischen Häutungen nicht eher was für Pophäschen? Begin to hope kommt leider völlig anders daher, als man es nach sage und schreibe fünf konstant großartigen Alben gewohnt war. Erstens mal auf Grund der Beteiligung aller möglichen Instrumente neben dem Klavier. Spektor ist keine Einzelgängerin mehr, damit kann man leben. Nicht aber mit der krampfigen Coolness, die so gar nicht zur alten Regina passt. Die in Hotel Song ihren angeblichen Kokskonsum besingt und mit That Time klarstellt, dass sie nur Marlboros raucht (ja, sicher). Die mit Lady Sing the Blues mal so richtig elendig leidet und für Après moi wirre Zitate größenwahnsinniger Könige aus dem Zusammenhang reisst. Edit ist richtig schlecht, aber was soll bei Grime am Klavier auch anderes rauskommen. Außerdem versucht Regina Spektor sich daran, ihrer Stimme durch Rülpsgeräusche (Uh-Merica, wieder Après moi) mehr Dreck zu verleihen. Nicht doch! Begin to Hope ist keine von vorne bis hinten schlechte Platte. Es ist nur keine Regina-Spektor-Platte. Leider. Ersthörer wird sie nur schwer betören, die Spektorsche Possierlichkeit findet sich erst nach längerer Suche. Hoffentlich ist Begin to Hope nur eine rebellische Phase, hoffentlichhoffentlich. Empfohlen werden dürfen auf Grund so einer gschlamperten Platte nur: Soviet Kitsch und 11:11, die Vorgängeralben

Jessica Riccò

Offizielle Homepage:
http://www.reginaspektor.com/

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Thom Yorke - The Eraser

Dienstag, 18. Juli, 2006 at 5:26 Uhr nachmittags (Electronic, Rezensionen)

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Ein Mann mit schwarzem Hut und langem, schwarzen Mantel wird kommen und alles hinwegfegen, was nicht niet- und nagelfest ist. Ganze Städte muss Thom Yorke in seinen Träumen dahin treiben gesehen haben. Wie sonst wäre das wunderbare Design des Albums zustande gekommen, eine mehrseitig aufklappbare Pappschachtel, verziert mit einem schönen Untergangsszenario. Der Eraser wird kommen. Weiß Thom Yorke wieder einmal mehr als der Rest der Menschheit? Mittlerweile hat der radioheadsche Frontmann einen Status einem Heiland nicht unähnlich inne; niemand vermag an diesem Mythos zu kratzen. Niemand? Doch, ein kleines Dorf unbeugsamer Nichtsahner, die spätestens seit Kid A die Ohren zugemacht hatten, aufgrund des unverständlichen Gefiepes und Gebruzzes, das da auf sie niederkam. Amnesiac stach in die gleiche Wunde, und Hail to the Thief vermochte dieselbige nicht wieder zu heilen.

Und nun also ein Soloalbum von Thom Yorke, von dem eigentlich nicht weniger als DAS Album des Jahres erwartet wurde, trotzdem im Vorfeld bekannt wurde, dass sich die Songs in der Rohfassung bereits seit mehreren Jahren auf Yorkes Schreibtisch angesammelt hatten und nun einfach raus mussten. Klingt nach Ausschuss? Mitnichten. Es wird wahrscheinlich nicht das Album des Jahres werden, man merkt den Songs einfach an, in welcher Phase sie entstanden sind. Nicht, dass das als Kritik verstanden wird, denn wenn der Rezensent schreiben kann, dass The Eraser auch ein wunderbares Radiohead-Album als Brücke zwischen den Kid A/Amnesiac-Sessions und den Aufnahmen zu Hail to the Thief abgegeben hätte, dann ist das im Prinzip ja schon mal gut. Wahrscheinlich hatte man einfach etwas unglaublich Innovatives erwartet. Interessant ist an dieser Stelle auch zu erwähnen, dass natürlich wieder Nigel Godrich produziert hat und, dass Jonny Greenwood die Piano Chords auf dem Titeltrack beisteuern durfte. So ganz ohne und Solo kann also auch ein Thom Yorke nicht mal eben ein Album aufnehmen.

Thematisch drehen sich, wie bereits erwähnt, die meisten der Songs auf The Eraser um den Untergang, das Thema schlängelt sich wie ein roter Faden durch das Album. Der Titeltrack macht den Anfang, Analyse (There’s no time to analyse / to think things through / to make sense), The Clock und And It Rained All Night (And it rained all night and then all day / The drops were the size of your hands and face / The worms came out to see what’s up / We pull the cars up from the river) geben die Richtung an und führen bis zum abschließenden Cymbal Rush (It is all boiling over / all boiling over). Neun Songs, knapp 40 Minuten Spielzeit. Es wäre wahrscheinlich ein großes Album für den Herbst geworden. So muss sich nun zeigen, ob The Eraser den warmen Sommer übersteht und im Herbst, wenn man mal wieder so richtig deprimiert sein darf, in vollem Glanze erstrahlen kann. Ein tolles Album ist es in jedem Fall geworden.

Ein kühle Oberfläche, hinter der sich ein warmes, großes Herz verbirgt.

Kai Wehmeier

Offizielle Homepage:
http://www.theeraser.net 

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Record! Now!

Montag, 17. Juli, 2006 at 11:10 Uhr vormittags (Wort)

Mixtapes sind eine aussterbende Art. Jedenfalls die Art von Mixtape, die man früher seiner Angebeteten vollgestopft mit subtilen Botschaften auf den Weg gegeben hat oder die Art, die man sich für lange Autofahrten beim Cruisen zu Gemüte geführt. Die Anwendungsgebiete einer herkömmlichen Kassette waren vielfältig. Die CD hat das Aufnehmen von Musik zu einem ziemlich sterilen Vorgang gemacht. Titel zusammengestellt, Rohling in den Brenner gelegt und fünf Minuten später springt auch schon die fertige Compilation aus der Schublade des Rekorders. Da bleibt kein Raum für stundenlanges Aufnehmen in Echtzeit, der peniblen Kontrolle von Tracklängen um zu gewährleisten, dass auch ja kein abgebrochener Track zum Schluss von Seite A oder B drauf ist, dem sorgfältigen Aussuchen von Soundschnipseln, um die ein oder andere Stelle des Ferro-Bands zu füllen und selbstverständlich die Königsdisziplin, der Tracklist. Nichts ist destruktiver für ein Tape als die falsche Reihenfolge der Songs. Gibt es denn überhaupt keine zeitgemäße Rettung für dieses aussterbende Medium?
Vielleicht kommt die Abhilfe in Form von Podcasts daher. Seit einiger Zeit nun erfreuen diese sich zunehmender Beliebtheit in den Wirren des Internets. Vielfach von Radiosendern genutzt, um das Programm weltweit durch die Boxen der Hörer zu jagen, oftmals von selbstdarstellerischen Freaks missbraucht, die den Podcast als ihre Bühne nutzen, setzen sich neben seriösen Informationsangeboten auch immer mehr reine Musikpodcasts durch. Kleine Mixtapes, die über das Internet verteilt werden, um interessante neue Musik in interessierte Ohren zu bringen. Oftmals, mit ähnlich viel Liebe und Arbeit zum Detail wie ein Mixape aufbereitet, stellen diese wirklich zunehmend eine Alternative zu den Kassetten dar. Nun könnten Stimmen aufkommen, die sich fragen, was denn ein Mix, den man mit Millionen Menschen teilt noch mit einem persönlichen Tape, das vielleicht nur für bestimmte Ohren gedacht ist, zu tun hat. Das Gute ist, dass Podcasts ebenso prima auf ihrem Namensgeber dem iPod funktionieren und selbst auf CD gebrannt mehr denn je den Charme eines Mixtapes versprühen.
Und um gleich mal eine kleine Kostprobe an dieser Stelle anzubieten, hier ein feiner Podcast aus dem Bereich Hip-Hop und Indie: http://inoveryourhead.net
Jean-Christophe Bocquier

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Aceyalone accompanied by RJD2 - Magnificent City

Montag, 17. Juli, 2006 at 10:34 Uhr vormittags (Hip Hop, Rezensionen)

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Kollaborationen sind gerade im Hip-Hop immer ein fruchtbarer Nährboden für geschmeidige Reime und dicke Beats. Umso besser, wenn sich zwei begnadete Köpfe dieses Genres zusammen tun und dabei mit Magnificent City ein Album heraus kommt, bei dem es schwer fällt es aus dem heimischen CD-Player wieder zu entfernen. Aceyalone ist MC, entstammt der Westküste der USA, genauer gesagt L.A. und ist Gründungsmitglied der legendären Freestyle Foundation. RJD2 alias Ramble John Krohn hat als Produzent und Beatdirigent 2002 mit Dead Ringer ein Soloalbum an den Start gebracht, dass es selbst einem DJ Shadow die Ohren geschlackert haben muss. Sein zweites Werk Since We Last Spoke konnte dieses Niveau leider nicht mehr erreichen, nichtsdestotrotz zeigt er auf Magnificent City, dass er einer der besten in seinem Metier ist.
Schon im ersten Song All for you wird klar, dass hier nicht einfach nur Beats unter Gerappe gelegt wurden, sondern dass RJD2s Soundkulisse sich wie ein Soundtrack an die Lyrics Aceyalones schmiegt. Die sehr präsenten, aber nicht aufdringlichen Samples, derer RJD2 sich in sämtlichen Genres bedient, von Old School über Soul bis hin zu Rock, würden zweifellos auch als Instrumentals perfekt funktionieren. Aceyalone erzählt auf diese extravagenten Klanglandschaften Geschichten aus seinem Leben, diese kommen mal als Spoken Word daher, mal mit gesellschaftskritischen Untertönen und mal einfach nur als Dicke Hose-Rap.
Man merkt dem Album förmlich an, dass sich hier zwei Leute gut bei der Arbeit verstanden haben. Es ist eine Scheibe, dem beide Beteiligten ihre ganz eigene Marke aufdrücken und dessen positive Stimmung sich förmlich auf den Hörer überträgt. Alle die diesen Sommer noch eine Lieblings-CD suchen, dürfen bei Magnificent City ohne Bedenken zugreifen.

Jean-Christophe Bocquier

Offizielle Homepage:
http://www.projectblowed.com

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LOADED im ELZ, Bremen, 15. Juli 2006

Montag, 17. Juli, 2006 at 9:58 Uhr vormittags (Konzerte)

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Das roughntough-entertainment Team hat sich vorgenommen die Bremer Elektro-Musik Szene neu zu beleben und hat dazu die Loaded Partyreihe ins Leben gerufen, die am Samstag ihre Feuertaufe zu bestehen hatte. Als Location wurde der Holzhafen in Walle, genauer gesagt die Elz Hallen neben dem Speicher 11, ausgewählt. Das Line-Up ließ auf eine gute Party hoffen und bot einige Schwergewichte auf. Neben Bad Company, Pendulum und Shimon auf der D&B Tanzfläche und Nudisco für die Elektro- und Housefreunde gaben sich auch Artful Dodger auf der UK Area die Ehre. Bis dahin einziger Wehmutstropfen: 20 Euro Eintritt!
Die Location stellte sich dann auch als ziemlich perfekt für ein solches Event heraus. Drei Tanzflächen und ein großer Outdoor-Bereich zum Frischluft schnappen und chillen boten reichlich Platz um sich auszutoben oder zu erholen. Die Deko lies aber einiges zu wünschen übrig. Ein paar Dutzend Plastikpalmenblätter, da kommt nicht wirklich Junglestimmung auf. Ganz schön lieblos das Ganze. Es ist doch nicht zuviel verlangt ein paar Armeenetze aufzuhängen und für ein bisschen Hintergrundbeleuchtung zu sorgen. Hätte jedenfalls gut zum industriellen Stil gepasst. Und vier Bierbänke im Chillout sind auch nicht grad toll. Dem Flyer nach sollten niedrige Getränkepreise für den hohen Eintrittspreis entschädigen, aber 2,50 für ein Jever, anderes Bier gab es nicht, war wohl eher Durchschnitt. Außerdem gab es keinen Plan, um mal schnell zu schauen, wer gerade wo spielt.
Aber man soll ja nicht motzen bevor die Musik angefangen hat.
Da die Garage und die House Tanzflächen den Abend über ziemlich leer blieben, beschränke ich mich auf D&B.
Den undankbaren Job das erste Set des Abends zu spielen, hatten Genzo und MC Stunnah, die aber dennoch schon einige Leute auf die Tanzfläche locken konnten, ein gutes Set spielten und die Stimmung schon etwas nach oben trieben.
Danach betraten Bad Company die Arena und zeigten, was richtige Schwergewichte im Drum&Bass Business sind. MC Det, ein Tier von einem Typ, toastete zwei Stunden durchgehend, das Set war sehr tanzbar und es mangelte auch nicht an Klassikern. Das Publikum war jedenfalls gut drauf und dankte es DJ und MC mit reichlich Applaus.
Als nächste waren dann Pendulum, die in England ja schon so gut wie alle Verkaufsrekorde gebrochen haben und von denen jeder Track Nummer 1 der D&B-Charts wurde, und MC SP:MC an der Reihe.
SP:MC, der normalerweise smooth über die Sets von Nu-Tone flowt, kam anfangs nicht richtig mit den Stakkato-Beats zurecht, fand aber dann doch noch seinen Rhythmus. Das Problem war eher, dass die Beats nicht so recht tanzbar waren, jedenfalls nicht im Vergleich zu Set, das Bad Company zuvor aufgelegt hatte. Die Publikumsreaktion war jedenfalls etwas verhaltener. Bei Knallern wie Black Tarantula war die Tanzfläche trotzdem voll und Pendulum zeigten ein sehr abwechslungsreiches Set mit einer großen Bandbreite. Von Reggae bis Darkside-Geballere war alles geboten.
Den krönenden Abschluss des Abends boten dann Shimon und MC Shabba D..
Der völlig bekiffte Shabba D. flowte was das Zeug hielt und füllte noch mal richtig die Tanzfläche und killte den Rest der tanzwütigen Crowd.
Die Musik war also ziemlich gut, aber die Veranstalter sollten sich noch mal überlegen, wie sie die nächste Party aufziehen wollen, damit es nicht ganz so offensichtlich ist, dass es nur um Gewinn geht. Vielleicht bringt es ja was, eine E-Mail an die Veranstalter zu schicken.
Loaded 2 steht jedenfalls schon in den Startlöchern. Nächstes Mal mit Adam F. und DJ Hype.

Thomas Mader

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Sei schlau! Bleib dumm!

Sonntag, 16. Juli, 2006 at 9:07 Uhr nachmittags (Wort)

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„Mann was für ein toller Typ. Den würde ich gern mal kennen lernen. Was für ne Wahnsinns Frau. Wenn ich mit der nur mal allein reden könnte, die hat sicher viel zu erzählen“.

So oder so ähnlich denken sicher viele Fans über ihre Musikidole, aber wollen wir wirklich wissen, wie diese Menschen in Wahrheit sind? Kann man die Musik überhaupt noch so genießen wie vorher, wenn sich plötzlich herausstellt, dass dein Lieblingsgangsterrapper aus einer beschaulichen Reihenhaussiedlung kommt, der Anarchist aus deiner Lieblingspunkband noch bei Mama wohnt und von da aus den Sozialstaat zerschlagen will und der intellektuelle Liedermacher seine Texte von einem Ghostwriter bekommt und am liebsten Bild liest?
Über 50 Cent wurde an dieser Stelle schon schwer hergezogen, so schlecht ist nun er auch nicht, aber eine meiner persönlichen größten Enttäuschungen war es Jam Master Jay in bester HipHop Montur und mit ordentlich BlingBling seinen „Boy“ Fiddy hypen und als seine Entdeckung preisgeben zu sehen. Wo bleibt denn da die consciousness? Oder habe ich in der Vergangenheit was Wichtiges verpasst? Waren Run DMC auch immer nur hinter der Kohle her? Hatte sie aber dabei so viel Style, dass es mir bis zu jenem schwarzen Tag nicht aufgefallen ist? Meine Freunde sagen: JA! Ein klassischer Fall von „von hinten durch die Brust ins Auge“. Na ja, der Werbevertrag mit Adidas hätte mir schon alles sagen sollen, aber auf den Schock hätte ich schon mal getrost verzichten können.
OK, außerhalb des Pop-Zirkuses, bei Leuten die ihre Texte selber schreiben, kann man sicher anhand der Lyrics noch bessere Einblicke in die Psyche und den Charakter des Lieblingskünstlers gewinnen. Bei Leuten, die die Texte lediglich vorgesetzt bekommen ist das schon schwieriger. Da hängt schließlich ein ganzer Rattenschwanz an Imageplanung, Marketing und Stilberatern mit dran. Was aber nun, wenn das unkontrollierbare Übel eintritt? Keine Imageplanung konnte es verhindern, kein Persönlichkeitsdesigner voraussagen und alle beim Plattenlabel hofften es würde nie geschehen: DAS INTELLIGENTE INTERVIEW!
Fragen, die die Stärken und Schwächen des Künstlers bloßlegen und Details ans Tageslicht bringen, von denen der Interviewer nicht mal in seinen feuchtesten, fiebrigsten Träumen zu phantasieren gewagt hätte. Pulitzerpreismaterial!
Aber ist es ein Segen, weil es uns für uns was zu lachen gibt, wenn Jacko Bukarest und Budapest nicht auseinander halten kann oder Fluch, weil es dir das Herz zerreißt, wenn Lauryn Hill sagt, dass „Weiße“ ihre Musik gar nicht hören könnten, und Common meint, dass „gemischtrassige“ Beziehungen echt nicht klargehen?
Das „100 Fragen an Mariah Carey“-Interview der Süddeutschen Zeitung war sicher so ein Prachtexemplar. OK, die Fragen waren mit Sicherheit etwas fies und es wurde darauf abgezielt Ms. Carey nicht nur aus der Reserve zu locken, sondern ihr gleich richtig eine einzuschenken, aber das sind ja schließlich die Situationen in denen sich zeigt, wer was draufhat und wer nicht. Mariah nicht! War aber auch nicht schade drum. Wiederum muss man sich nun eingestehen, dass die Frau dafür bezahlt wird, gut zu singen und nicht, um die Welt mit Witz und Schlagfertigkeit zu versorgen. Dafür müssen endlich „ 100 Fragen an Helge Schneider“ her, der dafür jedoch nicht singen kann. Ein Teufelskreis!
Ich kann mir jedenfalls vorstellen, dass sich der ein oder andere Fan auf das Interview gestürzt hat und hinterher seine Mariah Carey Platten ganz nach hinten ins Regal gelegt hat, um den Schock erstmal zu verdauen.
Oder was passierte nach dem Interview, in dem Morissey sagte, dass Menschen, die nicht vegetarisch leben, ihn anekelten, er nicht mit ihnen an einem Tisch essen könne und lieber Menschenfleisch essen würde als lecker Schnitzel und Currywurst?
Die Vegetarier jubelten, die Veganer und Frutarians hielten ihn für einen inkonsequenten Heuchler und der Schnitzelfreund musste sich eine Träne verkneifen und kommt sich jetzt beim Genuss von „Viva Hate“ oder „Meat Is Murder“ (OK, hier hätte schon ein leichter Verdacht aufkommen müssen) wie ein mieses Stück Dreck vor. Hätte er wirklich wissen müssen oder wollen, dass Herr Morrissey so über ihn denkt?
Und was ist mit Künstlern, die man so richtig aus tiefstem Herzen nicht ausstehen kann?
Wer will schon wissen ob Bryan Adams ein netter Typ ist, wo er doch mit „Summer of ’69“ den für Millionen von Menschen vielleicht miesesten Popsong aller Zeiten verbrochen hat?
Du und deine Freundin kriegt euch öfter mal in die Haare, wenn es um die Musikauswahl im Auto geht? Dann willst du sicher nicht wissen, ob ihr Lieblingskünstler eigentlich ein Herz von Mensch ist, in seiner Freizeit Häuser für Obdachlose baut und kranken Kindern Geschichten im Krankenhaus vorliest. Es ist ja schließlich auch was wert jemanden zu haben, auf den man seinen persönlichen kleinen Hass konzentrieren kann, diesen Bagatellabneigung, von der man selbst nicht genau weiß, woher sie eigentlich kommt.
Die Quintessenz lautet also: Jeder hat sich sein Bild vom Lieblingsstar sowie vom Hassobjekt schon gemacht und wer zum Stalker wird, wird nur mit Dingen bestraft, die er gar nicht wissen wollte.

Also setzt die Scheuklappen auf, holt beruhigt die Mariah Carey Platten wieder aus dem Keller und genießt die Musik. Wenn die Texte und der Beat euch glücklich machen wisst ihr schon genug über den Künstler eurer Wahl.

Thomas Mader

100 Fragen an Mariah Carey:
http://www.sueddeutsche.de/,tt5m2/kultur/artikel/551/68483/

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Nouvelle Vague - Bande à Part

Sonntag, 16. Juli, 2006 at 11:40 Uhr vormittags (Pop, Rezensionen)

Mit Coverversionen verbinden die meisten bestimmt mehr schlechte als gute Erfahrungen. Ob es die Dorfband am Anfang ihrer Karriere war, die dein Lieblingsstück entstellte, die Coverband auf dem Karnevalsball sich daran vergriff oder das Popsternchen es auf den Olymp des Glitzers entführen wollte, zu einem Ergebnis kann man sicher kommen: Eine gute Coverversion zu spielen ist eine Kunst für sich und die Wenigsten legen das nötige Herzblut in die Sache um was gutes draus zu machen. In den letzten Jahren aber konnte man immer wieder ambitionierte Künstler dabei beobachten, wie sie die Musik ihrer Helden in neue Kleider schneiderten, bogen, quetschten, hämmerten und schmeichelten.
Sei es Senior Coconut, der in seinem Baile Alemán Kraftwerk in lateinamerikanische Klänge kleidete, Richard Cheese, der Klassiker der Musikgeschichte im Vegas-Style präsentiert oder nun Nouvelle Vague mit ihrem sommerlichen Bossa, Jazz und Chanson-Stil.
Wer jetzt stöhnt und sagt:„Oh Mann, schon wieder so ein Salsa-Juppy-Müll“, dem sei gesagt, dass ich selbst der größte Salsahasser bin, aber dennoch Spaß an dieser Platte habe.
Die aus der TripHop- und Fusion-Jazz-Ecke stammenden Produzenten Marc Collin und Olivier Libaux haben sich auch in ihrem zweiten Album Bande à Part Klassiker des New-Wave und Post-Punk vorgenommen und in extrem entspannte und oftmals mit dem Original kaum noch zu verwechselnde Stücke verwandelt. Heart of Glass von Blondie macht ein musikalisches Picknick auf einer Sommerwiese, Visages Fade to Grey bekommt eine melancholische Hafenatmosphäre dank düsterem Akkordeon, Stimmengewirr und Meeresrauschen, Ever Fallen in Love von den Buzzcocks tanzt Merengue ums Strandlagerfeuer und Blue Monday von New Order oder Don’t Go von Yazoo bekommen ein poppigen Anstrich verpasst, der mit dem Original nur noch den Text gemein hat.
Um diese Verwandlung zu schaffen, haben sich die beiden Produzenten, nach eigenen Angaben, mit Absicht nur Sängerinnen ausgesucht, die die Originale der Stücke nicht kannten. Französinnen, die Englisch singen sind eh immer ein Erfolgsrezept.
Herausgekommen ist dabei jedenfalls extrem lässiger Pop, der den Sommerabend auf dem Balkon noch entspannter macht.

Thomas Mader

Offizielle Hompage:
http://www.nouvellesvagues.com 

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Peeping Tom - Peeping Tom

Donnerstag, 13. Juli, 2006 at 7:22 Uhr vormittags (Rezensionen, Rock)

Patton goes Pop! „Hä?!“, werden jetzt einige denken. OK, also Mike Patton hat es sich zur Aufgabe gemacht mal seine Vorstellung von Pop auf eine CD zu bannen. Nach eigener Aussage, Musik, die er gerne im Radio hören würde. Das Ergebnis klingt keineswegs wie man sich ein neues Album von z.B. Justin Timberlake vorzustellen hat, den ich jetzt mal der Popmusik im besten Sinne zurechne. Peeping Tom ist verglichen mit anderen Patton Projekten (Mr. Bungle, Fantômas, General Patton…die Liste ist lang) zwar sehr eingänglich, trotzdem ist dieses Album sicherlich keine leichte Kost.
Stilistisch versammelt Herr Patton hier einen elitären Kreis von Musikern um sich, die allesamt ihrem Genre schon ein Markenzeichen aufgedrückt haben. Da hätten wir avantgardistische Elektronikkünstler aus England, wie z.B. Massive Attack, Amon Tobin, Kid Koala oder Odd Nosdam gepaart mit populärem amerikanischen Hip-Hop Untergrund um Kool Keith, Dan The Automator und Jel und um das noch abzurunden, wird Patton bei zwei Songs noch von Bebel Gilberto sowie Norah Jones unterstützt.
Ob die Songs nun Hip-Hop-lastiger sind, elektronischer oder sonstwie. Allesamt schaffen sie den perfekten Spagat zwischen oft rockigen Elementen, gepaart mit den jeweiligen Genres in denen sich die zahlreichen Gastmusiker zuhause fühlen. Pattons Gesang hat man seit Faith No More nicht mehr in dieser Form gehört. Keine experimentellen Orgien aus Geschrei, sondern den Stil, den er in den 90ern kreiert hat und der von keinem anderen jemals erreicht wurde. Songs von diesem Album hervorzuheben fällt schwer, denn sie sind allesamt Unikate, die aber nichtsdestotrotz perfekt in das Gefüge der Scheibe passen.
Wie immer, wenn Herr Patton sich entschließt ein Album zu machen, liegt das Niveau auch bei Peeping Tom ganz hoch. Und was den Popfaktor dabei angeht, so bin ich mir sicher, dass diese Scheibe eine der wenigen aus der Patton-Musik-Fabrik ist, die durchaus auch bei der breiten Masse für Gefallen sorgen kann.

Jean-Christophe Bocquier
Offizielle Homepage:
http://www.ipecac.com/

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Tool - 10.000 Days

Mittwoch, 12. Juli, 2006 at 10:58 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

Ihr nächstes Album, das 2011 erscheint, soll einen ankurbelbaren Skorpiontorso als Anhängsel besitzen, der im Laufen eine breite Spur aus verbrannter Erde hinter sich lässt. Dann endlich ist die Verschmelzung zwischen Tool und dem Yps-Heft vervollkommnet. Bis dahin müssen wir uns mit ihrem aktuellen Werk begnügen, das uns durch eine 3D-Brille anstarrt und auf diese Weise sein Booklet zur Kontemplation freigibt. Auch nicht von schlechten Eltern, freilich, und ein Schritt in die entsprechende Richtung.

Wobei das Artwork von 10.000 Days ästhetische Höhen feiert, die den Yps-Vergleich stark hinken lassen. Seien es die theatralischen Bandfotos oder die restlichen, surrealen Mini-Gemälde: Es wird sogleich der Eindruck hinterlassen, etwas hochrangig Besonderes zur Schau zu stellen, das den Hörer und Betrachter nicht so bald wieder loslassen wird. Oder sei es die Musik.

Mit ihrem äußerst seltenen Erscheinen auf der Bildfläche machen sich Tool immer wieder zur unbekanntesten unter denjenigen Bands, die als ‚wahnsinnig beliebt’ bezeichnet werden können. Alle fünf Jahre klopfen sie an, steigen wie Phoenix aus der Asche (oder wie die Nine Inch Nails) und schaffen es tatsächlich noch, uns allen einzureden, dass diese kompletten fünf Jahre einzig und allein für die Arbeit an der neuen Musik gebraucht worden seien. Das Endprodukt wirkt in dieser Beziehung überzeugend, also kann und will man niemandem für die lange Wartezeit böse sein. Zumal die nächsten fünf Jahre für die Rezeption der Musik gebraucht werden.

Eigentlich machen Tool gar nichts großartig Neues mehr. Spätestens auf Aenima hatten sie die Grundzutaten ihrer Stücke zusammengesucht und kombinierten diese fortan in allen Variationen. Das ist auch gut so: Tool sollen weiterhin wie Tool klingen. Das schafft ja sonst keiner. So halten sich auch auf 10.000 Days die kleinen Neuausrichtungen in Grenzen. Der Klang etwa ist gewohnt überberstend - und schafft es, den Perfektionismus von Aenima noch einmal (also zum zweiten Mal) abzurunden und somit state of the art zu bestimmen.

Begonnen wird mit einem typischen Tool-Motiv in dem typischen Tool-Song Vicarious. Ich fasse mal das Wichtigste zusammen: Ein verschachtelter Rhythmus, ein verstörendes Leitriffing, songinterne Bezüge der einzelnen Abschnitte aufeinander, Wiederaufgriffe, Variationen, ein ständiges Kommen und Gehen der Themen und ein Sänger als zusätzliches Instrument, der am Ende die alles auflösende Melodie als Katharsis liefert. Die Feinheit, mit der Tool solche Stücke konzipieren, ist beeindruckend. Alles passt ineinander und übereinander, liefert dem kühlen Analytiker kaum Raum zum Atmen und zugleich dem Körpermenschen eine prachtvolle Dosis Substanz.

Die neu hinzugekommenen Schnörkel finden sich weiter hinten, etwa in den Clicks’n’Cuts des ruhigen Intension. Überhaupt haben die ruhigen Momente an Klasse gewonnen. Auf Aenima und Lateralus ließ sich der gute Wille zwar erkennen, durch Einbau zurückgehaltener Passagen die Dramatik weiter in die Höhe zu treiben. Wenn dies aber darauf hinauslief, ganze Stücke als besinnliche Brückenschläge zwischen die Härtehöhen zu integrieren, ging der Schuss manchmal nach hinten los. Dies ändert sich auf 10.000 Days. Der Titeltrack ist ein Musterbeispiel für beklemmend anschwellende Spannungen, die nach einigen Minuten durch Einsatz eines brodelnden Basslaufes kulminieren.
Mustergültig sind die einzelnen Tracks hintereinander gesetzt, so dass man stellenweise auf die Idee kommt, es handle sich um ein Konzeptalbum. Hypothesen um eine Art Heilsbringergeschichte sind schon im Umlauf. Die Texte lassen hier natürlich jeder Interpretation freien Lauf. Auf der Zunge zergehen lassen sollte man sie sich indes, vor allem jene herrlich abgedrehte Rosetta Stoned-Story, in welcher der vermeintliche „Auserwählte“ dem Doktor von seiner Begegnung mit Außerirdischen (aka The X-Files beings bzw. The ETs) erzählt.

Ist 10.000 Days also besser als seine Vorgänger? Bügelt es Schwächen aus und sorgt es mit seinen minimalen Innovationen für das nötige letzte bisschen Glanz im Gesamtkonstrukt? Die Qualität der Kompositionen ist auf allen drei Monster-Alben von Tool gleichbleibend hoch. 10.000 Days ist ein klein wenig organischer, während Aenima mit seinen durchgängigen, wiederholten Rhythmen am konsequentesten eine einzelne Idee verfolgt. Aber Vergleiche sind in solchen Bereichen müßig. Es ist schön, einen solchen konstant hohen Niveaufaktor wie diese Band in der Musikwelt zu wissen. Auch wenn sie nur gar selten von sich hören lässt.

Henning Baucke

Offizielle Homepage:
http://www.toolband.com

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Johnny Cash - American V: A Hundred Highways

Dienstag, 11. Juli, 2006 at 3:58 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

(US-Folk) Rick Rubin der Leichenfledderei zu bezichtigen wäre wohl fehl am Platze, zumal die Songs – wie immer bei den American Recordings – vom Produzenten und von Cash höchstpersönlich abgesegnet sind und die Gesangsspuren bereits kurz nach erscheinen von The Man Comes Around aufgenommen wurden. Die Veröffentlichung ist somit der langen Planungen beider Männer geschuldet, die mit diesem Album den Zyklus der American Recordings abschließen wollten. Rubin blieb nun also die Ehre, das Werk Johnny Cashs abzurunden, ja vielleicht sogar noch zu krönen. Verwunderlich ist nun, wie es zu der Songauswahl kam, denn eines wird schnell klar: A Hundred Highways ist mit Sicherheit das verzichtbarste Werk aus der knapp zehnjährigen Beziehung zwischen Rubin und Cash. So findet sich zum Beispiel eine recht uninspirierte Version von Gordon Lightfoots If You Could Read My Mind unter den zwölf Songs. Nur Johnny Cash selber wußte wahrscheinlich, was er in seiner Version sieht. Der Großteil der restlichen Songs ist versöhnlicher Natur. Es wird kaum angeeckt oder provoziert. Strahlten die meisten der vorherigen American-Releases aufgrund ihrer Düsternis und anklingender Todeserwartung, so scheint Cash am Ende seinen Frieden gefunden zu haben. A Hundred Highways wird bestimmt durch gradlinige und tendenziell konservative Folkmusik, die das Ableben Cashs einleitet: I Came to Believe, Love’s Been Good to Me, A Legend in My Time usw. usf. Der letzte Song von Johnny Cash ist passenderweise ein Cover von I’m Free From the Chain Gang Now. Bleibt zu hoffen, dass das so stimmt. Bei aller Kritik an A Hundred Highways, dem schlechtesten der American Recordings, bleibt zu fragen: Welches American-Album von Johnny Cash ist angesichts der Erfolgsgeschichte mit Rick Rubin wirklich verzichtbar? Eben! Und außerdem soll man ja auch kein schlechtes Wort über bereits Verblichene verlieren. Deshalb: Gehört natürlich so oder so in jede gute Plattensammlung!

Kai Wehmeier

Offizielle Homepage:
http://www.johnnycash.com/

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Mr. Lif - Mo’ Mega

Dienstag, 11. Juli, 2006 at 3:49 Uhr nachmittags (Hip Hop, Rezensionen)

I kick snares, kicks and hi-hats,
The masses won’t buy that..,

So bringt das politische Gewissen von DefJux, Mr. Lif, seine Lage im Geschäft gleich ziemlich gut auf den Punkt. Die Kollaboration von Lif und El-P, dem Chef-Beatbastler von DefJux, wird dazu verdammt sein, wie fast alle Erscheinungen der DefJukies ohne riesigen kommerziellen Erfolg auskommen müssen, aber verdammt heißt hier eher Sicherheit vor kommerziellem Ausverkauf. So können wir uns auf das neue Album Mo’Mega freuen und da gibt es einiges, auf das man sich freuen kann. Der Titel, der sich aus afrikanisch-amerikanischem Slang und dem Verweis auf den Größenwahn der Staaten zusammensetzt gibt schon eine klare Richtung vor. Mr. Lif hat von seiner Wut auf das amerikanische Gesellschaftssystem nach seinen Vorgängeralben Emergency Rations und I Phantom nichts verloren und schießt wieder wild, aber gleichzeitig zielsicher um sich. Weder Bush noch McDonalds sind vor ihm sicher. Hier wird jetzt der ein oder andere sagen, das sind doch Themen, die schon lange ausgelutscht sind, aber wenn es auf so intelligente Art wie von Lif präsentiert wird, dann hört man es sich doch gern noch mal an und sei es nur aus dem Grund einem vor Augen zu führen, dass wir Europäer in ähnlichen Verhältnissen leben. Wenn man schließlich nicht öfter als einmal auf Missstände hinweist, dann wird sich auch nichts ändern.

Zeilen wie: „America don’t give a fuck about you, so get off it
I’m not a prophet, they just want the profit”

Oder: “The Bush Administration’s worth nothing
Just fuck ‘em!
Throw ‘em in the barrel, buck ‘em!”

sprechen eine ziemlich deutliche Sprache und zeigen, dass, so viel man in Europa auch auf die Staaten schimpfen mag, man auch dort intelligente Leute findet, die sich über die gegenwärtige Situation Sorgen machen.
Vor allem der Track The Fries ist ein Juwel unter Lifs Raps und zeichnet ein ziemlich düsteres BigBrother-artiges Bild von einer Verschwörung in den Staaten, bei der alle, von der Regierung bis hin zu McD’s mitmischen um die Bürger ruhig zu halten.
Aber auf Mo’Mega geht es nicht nur ernst zu, Lif hat seinen Humor nicht verloren und bringt mit washitup den wohl dreistesten Track über Frauen seit langem. Wer hat sich zuletzt so weit aus dem Fenster gelehnt und einen Track über Mundgeruch und stinkende Frauen gemacht? Mir fällt grad niemand sonst ein.
Der absolute Hammer ist wohl Murs is my Manager. Murs als Manager zu haben ist jedenfalls kein Zuckerschlecken, denn dieser will sogar Deals mit George Jr. und Al Gore einfädeln.

Look up in the sky, it’s a bird, it’s a plane,
Nah it’s Brother Murs with the keys to fame,
This guy got crazy respect, crazy connects,
Got me so buzy, I’m dizzy,
So what’s next?

Also Finger weg von Murs als Manager und dafür bei der neuen Platte von Mr. Lif ordentlich hinlangen.

Thomas Mader
Offizielle Homepage:
http://www.mrlif.com

http://www.defjux.com

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We are Scientists - With Love and Squalor

Freitag, 7. Juli, 2006 at 3:55 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

Es fällt inzwischen schwer bei dem Dickicht von britischen Indie-Bands noch die Übersicht zu behalten. Alle machen sie auf Retro, der Sound ähnelt sich sehr oft; selbst die Mitglieder einzelner Bands auseinander zu halten ist keineswegs einfach. Allmonatlich gibt es viele neue Popwunder zu bestaunen, der NME und Konsorten tun ihr Nötigstes die Hypemühle am Laufen zu halten. Waren es irgendwann die Strokes, sind es später die Franz Ferdinands, Maximo Parks, Kasabians, Hard-Fis oder die Arctic Monkeys dieser Welt, die als die nächste große Entdeckung gelten; und allesamt sind sie durchaus qualitativ hochwertige Bands. Genau das ist auch das Problem an der ganzen Indiegeschichte, man kann den Bands gar nicht mal vorwerfen, dass sich ihre Musik auf einem niedrigen Niveau befindet und doch macht sich allzu oft doch eine resignative musikalische Eintönigkeit breit.
Die neueste Entdeckung britischer Musikmagazine sind We Are Scientists, diese kommen zwar nicht aus Britannien, sondern haben sich in Kalifornien formiert und nette Rockpopstückchen auf EPs verpackt. Irgendwann zog es sie jedoch mit einem Plattenvertrag in der Tasche nach New York und heraus gekommen ist dabei eine Platte, die wohl so manche Tanzfläche in nächster Zeit in Ekstase versetzen wird…und mich fast in Versuchung bringt einen neuen Hype zu beschwören.
Selten ist mir ein derart komplettes Indie-Album wie With Love and Squalor unter die Fittiche gekommen, dass auch noch derart tanzbar ist. Gleich der Opener Nobody Move, Nobody Get Hurt ist so ein Fall von Song, der nach einer schwitzigen Tanzfläche nur so schreit. Im weiteren Verlauf der Scheibe fragt man sich, wie die Band es überhaupt geschafft hat, aus den Songs einen als Singleauskopplung auswählen zu können. Hier reiht sich Hit an Hit, es gibt nicht einen Ausrutscher und dabei kommt nicht einmal Langeweile auf. Das Tempo der Platte variiert von Song zu Song. Ob punkig, poppig oder rockig, die Musik präsentiert sich dabei sehr straight und nie zu überladen oder verspielt, wie es oft bei anderen Vertretern des Genres das Problem ist. Zu allem Überfluss kommen noch fein pointierte Texte hinzu.
Dem amerikanischen Trio ist mit With Love an Squalor wirklich ein ganz großer Wurf gelungen. Und vielleicht einer der wenigen Hypes, bei denen ich hoffe, dass sie nicht wie soviele andere zuvor in absehbarer Zeit wieder im musikalischen Nirgendwo verschwinden.

Jean-Christophe Bocquier

Offizielle Homepage:
http://www.wearescientists.com/

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