Iron Maiden - A Matter Of Life And Death (Eloge und Kritik)

Sonntag, 10. September, 2006 at 11:46 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

 

Es ist doch so: Auf nicht wenige von uns übten Iron Maiden in der Jugend eine außerordentliche Faszination aus. Diese befremdliche Bandsymbolik, dieser Todeskitsch, dieser Untote namens Eddie, der den Teufel aufspießt. Dieser Status als Inbegriff des Heavy Metal, den sie im Gegensatz zu Metallica bis heute halten können. Anfang der Neunziger fand mein ganzer Freundeskreis Iron Maiden cool, aber niemand fand Judas Priest cool, obwohl Judas Priest ähnlich gestrickt waren und mit „Painkiller“ ein wuchtiges Comeback feierten. Seltsam.

Iron Maiden-Alben auseinanderzuhalten, das war für viele Menschen die erste Berührung mit Metaphysik. Zu gleich sahen die Cover aus, zu ähnlich schienen die Riffs, um sie einordnen zu können, geschweige denn ein Lieblingsalbum zu bestimmen. Aber es musste natürlich sein, und ich war natürlich faul und entschied mich einfach für das Album, das ich schon am längsten kannte (Fear Of The Dark) und erntete ein paar Buhrufe seitens der vermeintlichen Die-Hard-Fraktion. Dafür konnte ich den kompletten Soloteil von Afraid To Shoot Strangers mit dem Mund nachdüdeln, während ich in der Schule nur den „Erlkönig“ auswendig lernen musste.

Nun schickt es sich natürlich nicht, von den „guten, alten Zeiten“ zu reden, wenn diese zum einen noch gar nicht lange her und zum anderen noch längst nicht vorbei sind. Seit ihrem vielgepriesenen Comeback-Album Brave New World, das ja nur ein Comeback ihres Sängers Bruce Dickinson war, gesellen sich Maiden wieder zur Speerspitze des modernen Heavy Metal. Sie tourten um die Welt, rockten live in Rio und legten sich mit Sharon Osbourne an, die ihnen beim Ozzfest den Strom abdrehen wollte.

Es folgt Album Nummer vierzehn. Beim Hören ihres neuen Werkes muss fairerweise eingeworfen werden, was zwischenzeitlich immer wieder in Vergessenheit gerät: Es stimmt einfach nicht, dass Maiden-Alben immergleich klingen. Das war schon in den Achtzigern nicht so, und erst recht im direkten Vergleich von A Matter Of Life And Death und The Number Of The Beast fallen wesentliche Unterschiede auf.

A Matter Of Life And Death ist das wohl bisher düsterste Album der Band. Das liegt nicht nur an dessen weitgehender Thematisierung von den Leiden des Krieges, sondern auch an den Gesangslinien, den Melodien und den Tonfarben, die nicht mehr so flirrig und verspielt wie einst daherkommen, sondern zäh und kräftig sind. Das ist leider nicht immer so erfreuend wie beim bedrohlich auftrumpfenden Brighter Than A Thousand Suns: Wer die CD einlegt und sofort nach Gitarrenluftsprüngen in der Art von Invaders oder Aces High lechzt, wird nicht nur vom Opener Different World enttäuscht sein. Iron Maiden haben hier einen Gang heruntergeschaltet von „sehr schnell“ auf „mittelschnell“. Diese Entwicklung, die schon auf Dance Of Death erkennbar war, macht sich schmerzhaft bemerkbar.

Andererseits ist das zweite Death-Album in Folge weit davon entfernt, ein absoluter Tiefpunkt zu sein. Zwei Bestandteile ragen besonders heraus. Zum einen wäre da die Stimme von Bruce Dickinson, die viel mehr ist als nur eine „Sirene“. Im Gegenteil: Im bisher kaum gekannten Maße gesellt er sich auch in tiefere, bedächtige Stimmlagen und reizt die Variabilität seines Organs sehr gut aus. Zum anderen die Produktion von Kevin Shirley – noch nie klang die Band so druckvoll wie hier. Allein daraus lässt sich schon erkennen, dass Iron Maiden nicht in den Achtzigern stecken geblieben sind. So wirken auch jene Songs, die noch am ehesten im alten Maiden-Stil konzipiert sind, frisch und eigen, und eben diese Stücke gesellen sich vorne in ihrem Oeuvre ein.

Es ist im Übrigen gar nicht mal selbstverständlich, dass ich nun gerade die konventionelleren Stücke mit den großangelegten Refrains (For The Greater Good Of God, These Colours Don’t Run und The Pilgrim) am stärksten finde. Auf den Vorgängeralben war das stellenweise andersrum. Doch schon die neuen Songlängen von durchschnittlich siebeneinhalb Minuten sprechen eine deutliche Sprache und geben zu bedenken, dass manches Stück Gefahr rennen könnte, zu lang zu geraten. Und so ist es dann auch: Nach einem ruhigen, etwa zweiminütigen Intro folgt meist ein Umschlag in härtere Gefilde, um am Ende wieder den ruhigeren Rahmen zu finden. Das funktioniert zwar ein bisschen besser, wenn man sich das Album am Stück anhört, da auf diesem Weg die ruhigen Einklänge durch die ruhigen Ausklänge des vorhergehenden Titels legitimiert werden. Aber es ist nichtsdestotrotz eine durchschaubare Songwriter-Taktik, und zudem erinnert es an das ungeliebte The X-Factor. Auch der Strophengesang könnte um ein bis zwei Minuten gekürzt werden, denn im Grunde freut man sich sowieso ganz besonders auf die dreistimmigen Gitarrenduelle, die dann meistens auch fantastisch sind.

Einen Meilenstein, wie Maiden sie in den Achtzigern am Fließband schufen, konnten sie mit A Matter auf Life And Death nicht setzen. Wohl aber ein Ausrufezeichen, mit dem sie klarstellen, dass ihnen noch einmal ein ganz großer Wurf gelingen wird! Entgegen allen Unkenrufern, die sich über 25 Jahre alte Knackerbands lustig machen, ist dieses Flaggschiff nämlich immer noch relevant. Das finden nicht nur Coheed and Cambria.

Henning Baucke

Offizielle Homepage:
http://www.ironmaiden.com

 

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