Música Colombiana – Ein musikalischer Reisebericht

Mittwoch, 20. September, 2006 at 5:44 (Wort)

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Nachdem ja bei Mixtape schon der grosse Brasilien-Hype ausgerufen wurde, kommen wir nun zu einem Land, bei dem eher fraglich ist, ob es noch zu Ruhm und Ehre kommen wird, obwohl es das musiktechnisch sicherlich verdient hätte. Kolumbien.
Kolumbien ist mehr als uns die Tagesschau und die Homepage des Auswärtigen Amtes glauben machen will. Kolumbien ist mehr als Koks und Escobar, mehr als Paramilitares, Entführungen und Guerilla, mehr als Montoya und Pibe Valderama, und zum Glück auch mehr als Shakira, Juanes und Reggaeton.
Sicherlich ist Salsa DIE traditionelle Musik in Kolumbien und wer nicht tanzt outet sich gleich als Gringo. Es findet sich zum Glück aber immer eine Kolumbianerin, die einem mehr als gerne den ein oder anderen Tanzschritt beibringt. Und wenn man sieht, wie die Damen die Hüften schwingen, hält einen eh nichts mehr auf den Sitzen.
Studien zufolge gibt es in Kolumbien mehr als 1000 traditionelle Rhythmen, unter anderem Vallenato, Bambuco, Llanera, Pacífico etc.
Besonders empfehlenswert unter der traditionellen Musik ist der Pacícifo, die Musik der schwarzen Bevölkerung Kolumbiens aus dem Chocó, der einem mit wilden Trommeln das Blut zum kochen bringt und stark an die brasilianische Musik der Bahía erinnert.
Toto la Momposina ist die wohl bekannteste Künstlerin dieser Musik und eine lebende Legende in Kolumbien.

Aber widmen wir uns der Musik, die sich mehr im Untergrund abspielt und die die Jugend Kolumbiens bewegt.
Allen Reggae- und Skafreunden empfehle ich auf der Stelle die kolumbianische Staatsbürgerschaft anzunehmen, oder zumindest mal einen Abstecher in dieses touristisch noch relative unberührte Land zu wagen.
Alerta zum Beispiel sind das Aushängeschild des Reggae aus Bogota und wurden von der Musikzeitschrift Shock zur wichtigsten kolumbianischen Reggaeband der letzten Jahre gewählt. Sie haben sich im ganzen Land mit ihren kraftvollen Liveauftritten einen Namen gemacht, sind beständig auf Tour und sollten relative einfach aufzuspüren sein. Am einfachsten erfährt man von den Konzerten in den zahlreichen Reggaebars und an den Universitäten oder auf der Homepage www.reggaecolombia.com
Anspieltipp: Somos Uno und Libera Tu Alma.
Eine andere exzellente Reggae Crew, die unter anderem Jazz und Fusion Elemente verwendet sind die Coffee Makers aus Medellin. Coffee Makers verbinden chillige südamerikanische Bläser und Trommeln im Latin-Jazz Stile mit gängigen Ska- Rhythmen und dem besten aus Peter Toshs Heimatland. So hatten sie z.B. die Ehre zum 10-jährigen Bestehen des Rock al Parque im Parque Simon Bolivar in Bogota, dem grössten Umsonst-Festival in Südamerika, aufzuspielen und waren einer der Publikumslieblinge schlechthin. Bei Amazon gibt es für das Stichwort Coffee Makers nur Kaffeemaschienen, www.jumpuprecords.com hilft einem aber auf die Sprünge.
Checkt auch die Homepage der Coffees: www.loscoffee.com
Eine weitere sehr gute Dub-lastige Band ist Nawal mit ihrem Album Fuego y Palabra
und auch Macao und Dr. Krapula können den mittelmäßigen spanischen Ska- und Reggaebands, die deutsche Clubs und Jugendzentren jedes Wochenende überfluten, noch einiges beibringen.

Für diejenigen, denen Juanes zwar gut aber zu kommerziell erscheint, ist Kolumbien neben Argentinien und Chile sicherlich der Ort. Der sogenannte Rocksito ist allgegenwärtig und es existiert eine unglaubliche Menge an eher unbekannten Künstlern, die sich lohnen auszuchecken. Örtliche Rockbars sind deine Anlaufstelle und finden sich zuhauf. Einfach die Augen nach Schwarzlicht offen halten, denn die Bars scheinen oft nicht mehr als ein Loch in der Wand. Hier gibt es übringens auch das billigste Bier.
Für diejenigen, denen der Rocksito noch zu poppig ist, gibts immer noch Alternativen, ohne den Draht zum Rock zu verlieren.
Superlitio aus Cali, die ihre Musik als Rockatronica bezeichnen, vermischen Elektro aller Richtungen und Rock, gaben sich auch schon mehrere Male bei Rock al Parque die Ehre und waren mit ihrem Album Tripping Tropicana für die Latin Grammies als beste Newcomer nominiert. Die Videos und ein paar MP3s gibt es bei YouTube und die Homepage www.superlitio.com ist einen Abstecher wert.
Ausserdem haben sie den Soundtrack zu Love and Suicide geliefert.
Eine weiter grandiose Fusion Gruppe sind Sidestepper. Gegründet vom Engländer Richard Blair, der lateinamerikanische Rhythmen mit englischen Elektroelementen mischte und ein eigentlich reines Elektroprojekt starten wollte, hat sich Sidestepper in seinen 10 Jahren zu einem der meist beachteten Musikprojekte Kolumbiens entwickelt. Die Band hat sich längst von ihren reinen Elektrowurzeln verabschiedet und in der südamerikanischen Musikwelt eingelebt und auch verloren. Sidestepper ist ein Musikbastard wie er schöner nicht sein könnte und wer sich von der Qualität der Band überzeugen will kann sich einige MP3s auf www.sidestepper.com besorgen. Nach mehrmaligem Hören sollten wir dann alle eine Petition für die erste Deutschlandtour von Sidestepper unterschreiben und an Señor Blair schicken.
Die Aterciopelados sollten bei den ganzen Fusion Bands nicht aussen vorgelassen werden, zählen sie doch nicht umsonst zu den beliebtesten Bands Kolumbiens. Ihr Rockstil ist aber klassischer und poppiger als der der zuvor genannten Bands.
Bei www.aterciopelados.com kann man sich vom Talent der Jungs und Mädels überzeugen.

Für diejenigen die es lieber etwas härter und direkter mögen, wartet Kolumbien mit einer eindrucksvollen Metal-, Hardcore- und Punkszene auf.
Am besten erfährt man von den Konzerten von den Jungs mit den Ozzy und Slayer T-Shirts, die an jeder Ecke Armbänder, Ketten und Ohrringe verkaufen.
Odio A Botero aus Medellin sind klassischer rauher und aggressiver Punk mit witzigen Texten und ein verheerender Pogo ist auf allen Konzerten vorprogrammiert.
Bei Konzerten der Odios wird, wie bei den meisten härteren Konzerten in Kolumbien, den Besuchern der Gürtel und Nietenarmbänder abgenommen, also Vorsicht, wenn ihr euren Lieblingsgürtel nicht verlieren wollt. Wiederbekommen ist nämlich nicht drin. Für einen Euro kannst du aber in den Glückssack greifen und dir einen neuen Gürtel ziehen. Die Chance, dass es deiner ist, ist aber 1:1000 und wahrscheinlich musst du mit dem rosa Glitzergürtel eines kleinen Punkmädchens nach Hause gehen.
IRA, auch aus Medellin, sind ein weiterer Liebling der örtlichen und auch nationalen Punkszene und gehen eher in Richtung Hardcore. IRA gibt es schon mit wechselnder Besetzung schon seit ’85 und die Band kann schon auf 2 EPs und 3 LPs zurückblicken.
Auf www.colombianpunk.com kann man sich eingehender über IRA und noch viele andere Punkbands informieren.
Im Park El Periodista in Medellin informiert man sich am besten Freitags- oder Samstags Nachts bei de örtlichen Punkszene über Konzerte und stolpert mit Glück auch über die Jungs der Hardcoreband Pestilencia, von den Punks liebevoll nur die Peste genannt.
Pestilencia haben es auch schon zu einer Latin MTV Nominierung geschafft, was für eine Band ihres Genres sicherlich eine zweifelhafte Ehre ist, der Qualität aber keine Abbruch tut. Bei www.pestilencia.com gibt es alles von und über die Peste.
Für alle, denen bei der ganzen Pogerei das Gefühl zu kurz kommt gibt es traurige Emolieder von 3 de Corazon, einer der wenigen Emobands in Kolumbien und auch Los Parlantes schlagen eher ruhigere Indie-Toene an. www.tresdecorazon.com & www.parlantes.net
Für diejenigen, die immer noch Judas Priest-Zeiten nachtrauern und ihr Manowar T-Shirt mit Liebe tragen, gibt es Kraken, die von den Kolumbianern entweder religiös verehrt oder zutiefst verabscheut werden. Dazwischen gibt es nichts. www.krakencolombia.net
Die nationale Punk- und Hardcoreszene ist riesig, da sich amerikanische Bands kaum trauen in Kolumbien aufzutreten. Das Slayer Konzert vor einigen Tagen war jedenfalls restlos ausverkauft, denn in Kolumbien gibt es kein “Die schau ich mir nächstes Jahr auf der Tour an”, entweder jetzt oder nie ist die Devise und sonst verlässt man sich lieber auf die eigenen Landsmänner und-frauen.

Freunden elektronischer Musik geht es leider entweder ziemlich schlecht, oder sie müssen lange suchen und etwas Glück haben, um die kleine Szene und ihre Parties zu entdecken.
Wer in Kolumbien in einen Club geht, der mit Música Electrónica lockt, weiss eigentlich nie, was ihn erwartet. Meistens wird alles verwurstet was ein Keyboard hat und in Europa schon vor 5 Jahren auf MTV lief. Es ist aber auch sehr unterhaltsam, wenn Smack My Bitch Up von Prodigy läuft und man sich fragt, wie lang man den Song schon nicht mehr in einem Club gehört hat. Die Crowd erinnert leider auch meistens an die letzte Juristenparty deiner Uni und trägt dazu bei, dass elektronische Musik in Kolumbien an dem Ruf leidet, nur für Snobs zu sein. Mit etwas Glück findet man aber eine der seltenen D&B Parties in einem ansonsten leergefegten Hochhaus in Bogota, von dem man nur Dank eines Flyers, den man auf dem Gehweg aufgelesen hat, erfahren hat. Wenn man dann an besagter Adresse ankommt, darf man sich nicht wundern, wenn niemand vor dem Haus steht, sondern muss anklopfen und wenn man keine Uniform trägt, wird man auch reingelassen.
Drinnen findet man dann ein leeres Apartment mit einem DJ-Pult und Bierverkauf aus der Badewanne. Cool! Hier läuft es nach der Devise: Wenn der Bass dreckig ist, muss die Location auch dreckig sein.
Die Szene ist noch klein, wächst aber und auch wenn einem, wenn man nach D&B oder Breakbeat fragt, meist verständnislose Blicke begegnen, kann man doch mal ein Korn unter blinden Hühnern finden.
Eine gute kolumbianische TripHop Band ist z.B. El Collectivo, die stark an Portishead erinnern und sehr chillig daherkommen.
Am besten viel nachfragen und nicht so schnell aufgeben.
Zu unser aller Schande muss ich aber gestehen, dass wir Europäer nicht ganz unschuldig am schlechten Elektroniveau Kolumbiens sind.
Künstler, die bei uns schon lang in Rente geschickt wurden, touren ausgiebig in Südamerika und füllen Hallen und Clubs, von denen sie in Europa nicht mal zu träumen gewagt hätten. Tiesto, der holländische House DJ, ist so ein Beispiel. Tiesto wer?, fragen jetzt hoffentlich die meisten. Ich kannte den Typ auch nicht, aber er schlägt ein wie eine Bombe und lässt mit einem archaischen Techno-House Sound á la Loverparade 1, alle Kolumbianer durchdrehen.
Deutschland leistet natürlich auch seinen Beitrag und exportiert zusätzlich zu Eurotrash noch schlechte Metalbands wie Halloween, die sich grösster Beliebtheit bei örtlichen Headbangern erfreuen. Rammstein sind natürlich auch unvermeidlich und der Gitarrist von den Skorpions gab sich im Hare Krishna Tempel von Medellin die Ehre. Asche auf unser Haupt.
Im Gegensatz zu Brasilien werden sich Snoop Dog oder N.E.R.D. wohl nie die Ehre auf der Plaza Bolívar in Bogota geben und Michael Jackson wird wohl auch nur in aller grösster Verzweiflung ein Video in Kolumbien drehen. Danke dafür!
Es lohnt sich auf jeden Fall die Musik dieses wunderbaren Landes abzuchecken und ich freu mich schon auf das Video zu “They don’t really care about us, Part 2”, gedreht in den Barrios von Pereira, Michael Jackson feat. The Black Eyed Peas.

(Muchas Gracias á todos los Parceros y Parceras en todo el país, que me quemaron un montón de CDs y que me han introducido al mundo de la música colombiana. Suerte hermanos y hermanas, nos vemos pronto!)

Thomas Mader

1 Kommentar

  1. Carlos sagte,

    Also als alter Carlos Vives Fan ( de la musica vieja) finde ich Deinen Bericht sehr gelungen.
    Hat Spaß gemacht diesen zu lesen.

    Herzliche Gruesse aus Medellin

    Carlos

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