Montag, 30. Oktober, 2006 at 2:56 Uhr nachmittags
(Rezensionen, Rock)
Robin Proper-Sheppard, seines Zeichens Kopf, Hand und Fuß von Sophia, besitzt viele positive Eigenschaften. Humor zum Beispiel: Die Bonus-Disc des neuen Albums Technology Won’t Save Us hat er Music For Picnics genannt. Die sechs Akustikversionen bekannter Songs plärren, leiden und jaulen aber so dramatisch, dass man sich schwer vorstellen mag, in welcher Gemütsverfassung sich ein Mensch befinden müsste, um hierzu ein Picknick veranstalten zu wollen. Das gibt einen Bonuspluspunkt auf das Sympathiekonto des Mannes, von dem immer wieder berichtet wird, er sei nur schwer auszuhalten und großkotzig noch dazu. Eine weitere positive Eigenschaft von Proper-Sheppard ist, dass er sich so wunderbar in seiner eigenen schlechten Laune und in der Melancholie wälzen kann und dabei seine Umwelt einfach nicht verschonen möchte, selbst wenn dies textlich beizeiten in die Hose geht. Big City Rot ist so ein plumper Song, herzzereißend zwar aber dennoch haarscharf an der Grenze: “I just realised i can’t afford to live in this city / But who cares, no one ever smiles and the weather’s shitty“. Ja nun. Womit wir bei den restlichen positiven Eigenschaften von Robin Proper-Sheppard wären. Wie schafft es dieser Mann eigentlich, uns solche Texte unterzujubeln und sich dafür auch noch feiern zu lassen? Es ist das gute Händchen für die richtige Melodie zur richtigen Zeit, es ist die brüchige Stimme, die an manchen Stellen zu verschwinden droht, es ist die Gabe sich zwar in Popstrukturen zu bewegen, sich aber dennoch an bestimmten Stellen aus diesen herausreißen zu können: P. 1/ P. 2 (Cherry Trees and Debt Collectors) explodiert im hymnischen Refrain, rumpelt sich ansonsten den Weg durch die viereinhalb Minuten. Der Abschlusstrack Theme for the May Queen No. 3 bohrt sich aggressiv in die Höhe bis die Gitarre plötzlich aussetzt und das Album an einem abrupten Ende angekommen ist. Huch!
Technology Won’t Save Us ist in seinem Grundton viel farbiger geworden als der Vorgänger People Are Like Seaons und erinnert in seinen nahezu pophaften Strukturen an Billy Corgans Zwan-Projekt. Hier wird nichts mehr auf sieben Minuten ausgedehnt, hier geht alles ganz förmlich und zackig zur Sache: Zehn Songs, darunter drei Instrumentals (eines davon einem Western entliehen, so scheint es), verteilt auf knapp vierzig Minuten Spielzeit. Kein Track erreicht die Fünfminutenmarke. Eine spezielle Dramatik ist nicht zu erkennen. Das Album scheint eher wie eine wirre, lose Songsammlung, natürlich aufgenommen vom Frontmann höchstpersönlich und abgemixt wie gewohnt von Kenny Jones. Herausgekommen ist ein klar erkennbares Sophia-Album, um Nuancen beschwingter als bisher. Vielleicht bedeutet diese Platte den Wendepunkt in Robin Proper-Sheppards viel beschriebener Trauerarbeit um seinen ehemaligen Bandkollegen aus God Machine-Zeiten. Schade wär’s.
Squarepusher schnappt sich Bass, schnappt sich Drums, Synthie, Xylophon und Gitarre und was ihm sonst noch so in die Finger kommt, sagt Hello Everything und lädt alle zur Spritztour in seinem Studio ein.
Herausgekommen ist dabei ein Album, das den Hörer vielleicht nicht mehr ganz so fordert, wie vorhergegangene Produktionen. Es ist unter Elektropop anzusiedeln, driftet aber keineswegs in Seichtigkeiten á la Nichtschwimmerbecken ab.
Vielmehr macht Hello Everything den Eindruck, als hätte sich Tom Jenkinson von einer großen Last befreit und kann nun nach Belieben auch eingängigere Rhythmen verwenden ohne die Freunde des Breakbeats zu enttäuschen, denn die kommen auch weiterhin ordentlich auf ihre Kosten. Vielleicht auch ein psychologischer Wandel, denn es gibt Gerüchte, dass er sich nach Ultravisitor von Vertragsproblemen mit seinem Label Warp befreit habe. Wenn vorhergegangene Klangkonstrukte sein Seelenleben widerspiegelten, dann kann man ihm das ja nur wünschen.
Wie dem auch sein, es wechseln sich schöne D&B Beats (Planetarium) ab, die schon fast an Goldies Terminator erinnern, aber trotzdem immer noch diese Extrakante mitbringen, mit minimalistischen Akustikgitarren (Theme from Sprite) und Plastikbeats (Hello Meow), zu denen auch Hello-Kitty im Video abgehen könnte, und Sounds, die an einen 6-minütigen Flugzeugabsturz erinnern (Vacuum Garden).
Squarepusher hat noch Styles für Jahre wie es scheint, ich gratuliere zum 10ten Album und sage Welcome to Europe.
Sonntag, 29. Oktober, 2006 at 11:41 Uhr nachmittags
(Pop, Rezensionen)
Alright, still… ist ein guter Grund, Popmusik zu hören – und auch dazu zu stehen. Letzteres fällt ja ab und zu ein bisschen schwer, weil man eigentlich weiß, wie uncool es ist, sich von Musik beschwingen zu lassen, die keinem weh tut. Aber das Debüt von Lily Allen zeigt, dass beides geht: „Leichte“ Musik und Texte, die nicht völlig sinnfrei sind.
Vielleicht sind es gerade die Kontraste, die Alright, still… zu einer Ausnahme machen. So gesehen ist LDN (in England die erste Single, in Deutschland erst nach Smile erschienen) bezeichnend für das ganze Album: Der stylishe Typ im Park – ein Zuhälter; der hilfsbereite Junge – ein Dieb. Nur wer einen zweiten Blick auf den schönen Schein wirft, erkennt darin die Fassade und sieht die Abgründe, die sie verdeckt. Mal swingt die Melodie, betört die zarte Stimme der Engländerin – und ist doch eigentlich nur Ausdruck ihrer Schadenfreude über den Ex, der sie betrogen hat und nun am Boden zerstört anruft (Smile). Ein anderes Mal klingt die Musik, als wäre sie für einen Disney-Themenpark komponiert worden (Alfie). Aber ob es dort Musicals über kleine Brüder gibt, die zuviel kiffen und große Schwestern, die besorgt fragen, „Wie zum Teufel willst du jemals flach gelegt werden, wenn du den ganzen Tag mit Computerspielen verbringst“? Die Diskrepanz zwischen „Verpackung und Inhalt“ ist allerdings bei weitem nicht der einzige Gegensatz auf Alright, still…: Ironische bis hämische Abrechnungen mit Verflossenen gibt es nicht zu knapp (Smile, Not Big, Shame For You). Aber eben auch eine klavierbegleitete, melancholische Erinnerung daran, wie es am Anfang einer inzwischen zerbrochenen Beziehung war (The Littlest Things). Mal mokiert sich Allen über abfuhrresistente, besoffene Typen im Pub (Knock ‘Em Out), mal über die Tussi im Club, die den Zickenkrieg mit ihr sucht (Friday Night). Musikalisch reicht die Bandbreite von Swing bis Ska, die 21-jährige singt und flucht mit elfengleicher Stimme – und rappen tut sie auch gelegentlich.
Egal ob Pop, Swing, Ska, Gesang oder Rap: es funktioniert. Das liegt nicht zuletzt daran, dass stets jede Menge Gelassenheit und eine Spur Sarkasmus im Spiel sind. Eine CD, die man sich kaufen und nicht verstecken sollte.
Pharrell Williams Album In My Mind hält nicht, was der Titel verspricht. Das ist die wohlwollende Auslegung. Es ist natürlich auch möglich, dass da einfach nicht viel mehr im Kopf des N.E.R.D.-Mitbegründers vorgeht, als das, was auf dem Album zu hören ist.
Gut, bei dieser Art von HipHop/Pop stehen die Texte nicht unbedingt im Vordergrund. Für Nicht-Muttersprachler sind sie sowieso nicht ohne weiteres verständlich. (Wenn man jedoch diverse Datenbanken für Songtexte durchsucht, wird schnell klar, dass es den Insidern bzw. denen, die sich dafür halten, nicht besser geht.) Soviel lässt sich allerdings sagen: Pharrell besingt vor allem seinen Erfolg (Can I Have It Like That, How Does It Feel), den Weg zu seinem Erfolg (Best Friend) und Menschen – ok: Frauen – die sich in seinem Erfolg sonnen wollen (Raspy Shit). Auch die obligatorische „Wenn ich es schaffe, kannst du es auch“-Botschaft darf nicht fehlen (You Can Do It Too), ebensowenig wie eine Danksagung an den Lieben Gott (Our Father). Es ist vermutlich überflüssig zu erwähnen, dass „es schaffen“ bedeutet, dem bösen Drogen- und Gangsta-Milieu zu entrinnen.
Manchmal kann es aber auch von Vorteil sein, nicht jedes Wort mitzubekommen – so kann man zu der Musik tanzen und den Anflug von Sexismus, die hie und da aufflackert, ignorieren. Oder wie nennt man das nochmal, wenn Frauen vorrangig als Lust-Objekte oder Tussis, die es nur auf den Ruhm und das Geld des Mannes abgesehen haben, beschrieben werden? Schwieriger ist es da schon das „N-Wort“ auszublenden, was gefühlte alle drei Takte fällt. Schon klar, die Bedeutung ist nicht rassistisch, sondern so etwas wie „Alter“. Aber mal ganz abgesehen von political correctness: Es nervt einfach.
Ansonsten ist das Album von im Genre des Pop üblichen seichten Love-Songs geprägt, gerne auch in Kollaboration mit anderen Künstlern, wie z.B. Snoop Dog (That Girl), Jay-Z (Young Girl), Nelly (Baby) oder Kanye West (Number One). Doch auch die sind ziemlich unspektakulär. Einziger Lichtblick: Angel klingt ein bisschen nach den Jackson Five und macht gute Laune.
Auch wenn man dem Album eine gewisse Tanzbarkeit zugestehen muss, bleibt die Bilanz enttäuschend. Irgendwie hat man dem Mastermind mehr zugetraut. Schließlich konnte er zusammen mit Chad Hugo als Produzenten-Duo The Neptunes sogar Britney Spears einigermaßen erträglich machen. Ohne gleich von „Inzest“ reden zu wollen: Der Über-Produzent, der sich selber produziert… da fehlt wohl ein bisschen Input.
Müsste ich meinen Zustand nach dem letzten Besuch auf einem Dover-Konzert in einem Wort beschreiben, würde ich wohl den Begriff „Zerrockt“ wählen. Das Temperamentbündel in Form der kettenrauchenden und sich mit der Gitarre auf dem Boden wälzenden Sängerin Cristina Llanos hatte mir mit ihrer Band einen Konzertabend geboten, an den ich mich noch immer gerne zurück erinnere. Selten hat mir ein Konzert soviel nachhaltige Freude bereitet; noch Wochen später liefen Dover CDs in massiver Heavy Rotation in meinem CD-Player und haben sich bis heute noch nicht totgespielt.
Nun liefern die vier Madrilenos neues Futter in Form von Follow the City Lights. Schon im Vorfeld war bekannt geworden, dass sich die Band stilistisch ein wenig gewandelt hätte. Das muss ja erstmal nichts schlechtes sein. So habe ich mich dann auch erstmal gar nichts dabei gedacht als ich das Cover der CD zum ersten Mal erspähte und mich dieses doch arg an die letzten Comicvideos der französischen Elektroniktüftler von Daft Punk erinnerte. Nach den ersten Takten des ersten Songs Let me out fiel mir jedoch schon die Kinnlade runter. Ist das da im Hintergrund etwa ein elektronischer Beat, wurde über die sonst so wuchtige Stimme von Sängerin Cristina etwa ein Verzerrungsfilter gelegt? Wäre der Song nicht die erste Singleauskopplung von Follow the City Lights, hätte ich mir an dieser Stelle auch noch nichts gedacht und das ganze als etwas eigenwilligen Opener abgetan. Statt entspannten Durchhörens der CD war nun Aufmerksamkeit vonnöten, was da noch folgen mochte. Der erste Durchgang glich einer Qual. Poppiges Discogerocke (wobei die Betonung auf „poppiges“ liegt), elektronisches Hintergrundgedudel, ein paar Balladen und der völlige Verlust des Stils, der die Band ausgezeichnet hat. Nur in wenigen Momenten blitzte noch etwas von dem rohen Temperament auf, mit dem sich Dover einst in meine Ohren gerockt haben; nicht einmal der Rede wert. Stattdessen gibt es vor Langeweile strotzende, dahin plätschernde Songs ohne Höhepunkte.
Auch ein zweiter und dritter Hördurchgang konnten den ersten schlechten Eindruck nicht schmälern. Dieses Album ist nicht das was man sich unter dem Begriff „musikalische Weiterentwicklung“ vorstellt. Nicht, wenn eine Band auf sämtliche ihrer Stärken verzichtet zugunsten von vermeintlich kontemporären Musiktrends, die in etwa die Haltbarkeit eines Schneemanns im Hochsommer haben.
Die bisherige musikalische Enttäuschung des Jahres.
Sonntag, 22. Oktober, 2006 at 6:53 Uhr nachmittags
(Rezensionen, Rock)
Dafür, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt und manchmal eben doch woanders liegen bleiben kann, ist Albert Hammond Jr. ein Paradebeispiel. Wurde ihm von seinem Vater, dem legendären Songwriter und Produzenten Albert Hammond (One Moment in Time/It Never Rains In Southern California), zweifellos die Liebe zur Musik mit in die Wiege gelegt, hat sich der Junior als Gitarrist der „Strokes“ stilistisch längst freigeschwommen und samt Band einen eigenen Namen gemacht. Dass er es auch ganz allein kann, beweist der 27jährige mit seiner ersten Soloplatte Yours To Keep.
Verpackt darauf sind zehn verspielte, gleichwohl zugängliche Stücke, die in erster Linie von ihrer ungezwungenen Leichtigkeit leben. Was aber nicht heißen soll, dass Albert Hammond Jr. versucht, sich mit banalem Indie-Geschrammel durchzumogeln. Im Gegenteil: Gerade die Vielseitigkeit macht das Album so hörenswert. Eingängiger Gitarren – Pop (Everyone Gets A Star) wechselt sich ab mit klassischem Indie-Rock (Back To The 101) und Albert Hammond Jr. überrascht in Songs wie dem melancholischen Hard To Love In The City mit einfachen, aber perfekt inszenierten Bläserarrangements. Auch beim Gesang weiß er zu überzeugen, hebt sich allerdings nicht sonderlich vom Bandkollegen Julian Casablanca ab, welcher nebst Sean Lennon und weiteren Vertretern der New Yorker Szene einen Gastauftritt hat. Seine ungeahnten Qualitäten als Songwriter offenbart Albert Hammond Jr. insbesondere bei der traumwandlerischen Ballade Cartoon Music For Super Heros, die fast so geschickt geschrieben ist, wie das herausragende Call An Ambulance. In letzterem erzählt Albert Hammond Jr. wunderbar lakonisch von Besitzansprüchen in Partnerschaften und räumt mit einer gehörigen Portion Humor auch die letzten Zweifel an seinen lyrischen Fähigkeiten beiseite. Das Album kommt dabei insgesamt sowohl textlich als auch musikalisch angenehm unprätentiös daher und dürfte nicht nur bei geneigten Fans der Strokes Gefallen finden. Ein unverhoffter Genuss!
Freitag, 20. Oktober, 2006 at 10:43 Uhr vormittags
(Pop, Rezensionen)
Immer wenn man glaubt, es geht nicht schlimmer (als beispielsweise The Ark oder The Darkness), dann kommt von irgendwo eine Band daher, die das Gegenteil beweist. In diesem Fall sind es die Scissor Sisters aus der New Yorker Gay-Szene. Mittlerweile kann die Gruppe, deren Mitglieder so lustige Namen wie Babydaddy oder Ana Matronic haben, bereits einen veritablen Hit vorzeigen: I don’t feel like dancin’, eine Singleauskopplung vom aktuellen Album Ta Dah, die selbst in Deutschland bis auf Platz zwei der Charts vorgeprescht ist.
Auch wenn ich mir den Zorn der Gay-Community und der Fans des Eurovision Song Contests zuziehe: Ta Dah, das zweite Album der Scissor Sisters, ist zu großen Teilen der aufgeblähte Soundtrack einer Bravo Supershow oder von The Dome. Da hilft alles nichts, nicht der Glitter, der Glamour, der Discofunk, die billigen Soundeffekte, die, wenn sie aus der Hand von Frank Farian gekommen wären, zurecht keine Beachtung gefunden hätten. Haben sie so aber eigentlich auch nicht. Zu berechnend, zu trashig klingt das selbst für Ohren derer, die mit dem schlimmsten Eurodance aufgewachsen sind. Die Scissor Sisters baden sich in ihrem eigenen Bee Gees-Bombast inklusive des formschönen Eunuchengesangs. Ein Song wie Land of a Thousand Words hätte in Tallinn wohl auch nicht mehr Punkte bekommen als der bereits in Vergessenheit geratene Song von Gracia. Die Single I Don’t Feel Like Dancing und der restliche Rotz mögen in der Disco, auf Polterabenden und Hochzeiten den Saal zum Beben bringen, dürften aber keinen Platz auf der Playlist eines guten Indieclubs finden. Und das ist auch gut so.
Freilich wäre es zu simpel, einfach alles in Grund und Boden zu rammen auf Ta Dah. Es gibt zwei kurze Songs, I Can’t Decide und Intermission, die in ihrer vergleichsweise spärlichen Instrumentierung eher nach Jahrmarktsumzug als nach muffiger Großraumdisco und billigem Prosecco riechen. Da reißt es aber auch schon ab. Schade. Möglicherweise irre ich mich ja. Vielleicht werde im am Jahresende mit geducktem Haupte zu Kreuze kriechen und mich rechtfertigen müssen für das hier verfasste. Bis dahin bleibe ich aber standhaft dabei: Don’t feel like dancin’? Me neither!
Dienstag, 17. Oktober, 2006 at 5:36 Uhr nachmittags
(Rezensionen, Rock)
Drei Jahre ist es nun bereits her, dass das Debütalbum des australischen Quartetts, Get Born, für Furore sorgte. Halt. Eigentlich war es doch nicht das Gesamtwerk, sondern nur ein einziger Song, der Jet den Durchbruch bescherte und der sie bei Jedem bekannt machte. Stopp. Genau genommen war es nicht einmal die Band, die berühmt wurde, sondern tatsächlich nur dieser eine Song: Are You Gonna Be My Girl. Dass der Song von einer Gruppe namens Jet stammte, dürfte wohl eher den wenigsten bekannt sein. Typische Anzeichen eines Werbejingle-One-Hit-Wonders also, und man durfte bezweifeln, ob denn da noch jemals was nachkommen werden würde. Ja, hier ist es: Shine On von Jet. Braucht die Musikwelt das Album? Jein.
Eine offensichtliche Weiterentwicklung zum Vorgänger ist Shine On nicht geworden. Dementsprechend müssen die üblichen Verdächtigen herhalten wenn man rätselt, bei wem sich Jet nun wieder die eine oder andere Melodie, dieses oder jenes Riff geborgt haben: Die Beatles liefern die Blaupausen für die Schunkelnummern mit Akustikgitarre und wahlweise Klavier: Bring It On Back, King’s Horses, Shine On und – natürlich nur ein Zufall – Eleanor. Die Rolling Stones hätten Skin And Bones, Shiny Magazine, That’s All Lies und Rip It Up wahrscheinlich ähnlich abgeliefert. Und selbst Oasis gehören mittlerweile zu den Opfern. Come On Come On heißt der Song, bei dem man glaubt, Liam Gallagher hätte sich vom Thron begeben um mal kurz im Studio bei Jet vorbeizuschauen. Mit anderen Worten: Eigentlich ist alles nur geklaut. Allerdings ist die Qualität der Songs ungemein hoch, die Leidenschaft der Räuberbande aus Down Under trieft aus allen Melodien, das Piano ist stellenweise wunderschön, selbst der Tiefpunkt auf Shine On, der breitbeinige Stadionrocker Stand Up, wird durch überraschende Klaviereinsprengsel gerade noch vor dem verrecken gerettet. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass das Album vor positiven Energien zu bersten droht. Der kurze Opener L’Esprit D’Escalier wirft den unvollständigen Satz „All You Have To Do“ in den Raum, der letzte Song, bezeichnenderweise heißt er All You Have To Do, beschließt mit den Worten „Shine On“ und liefert damit einen Überbau für den Rest des Albums. Es bleibt also alles beim Alten: Wem sich bereits die Haare aufstellen wenn er solche Referenzen wie die Beatles und die Stones nur hört, der sollte besser die Finger von Shine On lassen. Wem das allerdings egal ist und wer einfach nur Lust auf eine gehörige Portion dreckigen, aber klaren Rock and Roll hat, der ist bei diesem Album genau richtig.
Montag, 16. Oktober, 2006 at 3:53 Uhr nachmittags
(Rezensionen, Rock)
Wie ein Widerhall klingen in meinen Ohren die Worte Noel Gallaghers bei der Veröffentlichung des Best of…-Albums Blurs: „Wir werden erst ein Greatest Hits-Album rausbringen, wenn wir uns trennen.“ Von Trennung ist bei den Gallagher-Brüdern außer öfter mal wechselnder Entourage nichts zu spüren. Und doch steht mit Stop the Clocks eine Zusammenstellung ausgewählter Oasis-Songs demnächst im Plattenladen.
Ich möchte an diese Stelle gar nicht so sehr auf den inhaltlichen Aspekt des Albums zu sprechen kommen und mich in das Buhei einmischen, dass derzeit in den einschlägigen Oasis-Foren seine Runde macht. Sicher kann man sich streiten, ob der ein oder andere Song nicht fehlt, kann sich aufregen, dass nicht ein neuer Song mit von der Partie ist und wo der Sinn darin besteht seinen Fokus auf die ersten beiden Alben zu beschränken und im Nachhinein noch Acquiesce auszukoppeln. Kokolores!
An der Auswahl der Songs gibt es nicht viel zu meckern, es ist nunmal ein Best of… aus der Sicht der Band, von dieser höchstselbst zusammen gestellt. Und da wären wir auch schon bei den Gründen für die Veröffentlichung. Es hätte zu diesem Best of.., laut Noel Gallagher auch noch eine Alternative gegeben. Wie so oft, wenn Plattenverträge auslaufen beschließt die Plattenfirma noch mit den Songrechten in der Tasche einen flotten Euro zu verdienen, indem in chronologischer Folge oder wahlweise nach Chartplatzierung einfach mal was zusammenrumpelt wird und dann im CD-Regal vor sich hin gammelt. Es war gut, dass sich Oasis hier nicht die Butter vom Brot haben nehmen lassen und wenn sie es schon nicht verhindern konnten ihre Greatest Hits auf CD gepresst zu bekommen zumindest die Auswahl der Songs erledigen.
Neues Material ist ja auch schon in den Startlöchern und zwar in Form der Tourdoku Lord, don‘t slow me down, welche im November Premiere feiert und dem Gemunkel nach zumindest zwei neue Songs aufweisen wird. Mitte 2007 wollen die Mancunians sich in aller Ruhe eines neuen Albums widmen, dann frei von irgendwelchen Plattenverträgen auf dem eigenen Label. Also alles halb so wild und wer eh schon alles hat von Oasis wird sich Stop the Clocks sowieso zulegen!
Wie schön ist es zu sehen, dass es dort draußen noch Menschen gibt, die einen ähnlich faden Nachgeschmack von Hot Fuss haben. So schrieb Jan Wigger, ein Arschloch respektive Musikjournalist (Brandon Flowers), das Album sei nur halbseitig gut gewesen und gegen Ende sogar nicht mehr tragbar. Korrekt. Aber wahrscheinlich haben wir in unserer Ignoranz, die uns Schreiberlinge nun einmal auszeichnet, die Grandezza des Albums einfach übersehen und den Sänger und Songwriter der Killers erst zu dem maulenden und trotzigen Kind gemacht, als das er sich kürzlich in der Öffentlichkeit präsentierte.
Und nun? Nun lädt Brandon Flowers uns ein auf einen Besuch in Sam’s Town, einer Kleinstadt oder einer Suburb, die ja auch immer als Synonym für das durchschnittsamerikanische Spießertum und eine ausgeprägte Kleingeistigkeit herhalten muss. Wer erinnert sich nicht gerne an den Film „The Burbs“, einer typischen 80er-Komödie mit Tom Hanks, die diese Zustände so wunderbar karikiert. Und nun möchte also Mr. Flowers uns Arschlöchern und Musikliebhabern zeigen wie seine persönliche Sam’s Town aussieht, eine Stadt in der der Bruder natürlich am 4. Juli geboren wurde und die Geburtstagkerzen auf dem mit einer US-Flagge gespickten Kuchen ausbläst (Sam’s Town). Eine Stadt, in der der König über seine Fehler sinniert (I feel my vision slipping out of focus / But I’m pushing on for that horizon / I’m pushing on / Now I’ve got the blowing wind against my face) und die spätestens hier, bei Bling (Confessions of a King), den Mikrokosmos Suburbia verlässt und sich Größerem widmet, der American Masquerade. Natürlich finden sich auch die Songs für das Herz, Stücke wie For Reasons Unknown (But my heart, it don’t beat, it don’t beat the way it used to / And my eyes, they don’t see you no more / And my lips, they don’t kiss, they don’t kiss the way they used to / And my eyes don’t recognize you at all), die immer auf der Schwelle zum Kitsch tänzeln aber gerade noch die Kurve kriegen.
Dem Album wird immer wieder zum Vorwurf gemacht, es sei überproduziert. Das Produzentenduo Flood und Alain Moulder, das sich unter anderem auch für Mellon Collie and the Infinite Sadness der Smashing Pumpkins verantwortlicht zeigt, hätte Soundschicht um Soundschicht übereinander geklatscht und Brandon Flowers dazu verführt, doch noch ein bisschen mehr Pathos zu verbreiten. Viel zu dick aufgetragen hätte man. Das alles stimmt. Allerdings passt dies exakt zum Gesamtkonzept der Platte. Wie sollte man amerikanische Verhältnisse karikieren, ohne dabei dick aufzutragen und ohne musikpathetische Grenzübertreibung zu begehen? Ohne die Gitarrenwände und Synthiesounds, ohne die Bläser und Männerchöre und den ganzen Rest? Und hier muss Jan Wigger auch mal widersprochen werden dürfen: Sam’s Town ist besser und konsistenter als Hot Fuss und nicht ähnlich schludrig. Eine ambitionierte Band hat ein ambitioniertes Album vorgelegt, das mit etwas Glück auf der Shortlist der Popplatten des Jahres 2006 landen könnte.
Donnerstag, 5. Oktober, 2006 at 7:33 Uhr vormittags
(Rezensionen, Rock)
Pünktlich zum Beginn des Herbstes erscheint The Letting Go, gerade noch rechtzeitig um die dunklen Monate einzuleiten. Das Cover scheint zu schön, als dass es wirklich sein könnte: In der Ferne zeichnen sich bewaldete Hügel ab, die sich hinter einer leichten Nebelwand verstecken und von Wasser umspült werden. Die Sonne lugt in das Gemälde hinein und erhellt das Grün im Vordergrund, durch das sich ein Sandweg hin zum Meer schlängelt. Eine Metapher, die sich durch das ganze Album zieht und den Fluss der 12 Songs widerspiegelt. Wahrscheinlich ist auf dem Bild jene Insel zu sehen, auf der die Aufnahmen zu den Stücken stattfanden, und die – um einmal dieses Klischee zu bedienen – sich in die Sessions eingeschlichen hat: Island. Man glaubt die Weite des Landes zu spüren und fühlt sich beizeiten, als würde man über Island schweben und könne sich das ganze Geschehen von oben betrachten, ein Gefühl, das einem mindestens von Sigur Ros bekannt vorkommt. Vielleicht ist dies auch dem Umstand geschuldet, dass einige Einheimische an der Produktion von The Letting Go beteiligt waren. Die Bratsche wurde von Th Orunn Osk Marinosdottir gespielt, das Cello von Hrafnkell Orri Egilsson, um nur mal einen kleinen Eindruck vom Ensemble zu vermitteln. Aber gerade die Stimme, die aufgrund ihres engelsgleichen Glockenklangs für dieses Gefühl verantwortlich ist, für diese Weite in den Liedern wie Strange Form Of Life und I Called You Back, die kommt nicht von Island und heißt Dawn McCarthy. In den Songs, in denen sich Dawn McCarthy zurücknimmt scheint es, als lugte Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy aus einer kleinen Öffnung in seiner Holzkiste hinaus auf die Welt und sänge ganz allein für sich. Wunderschön. Endlich ist die richtige Zeit gekommen, um die Kerzen anzumachen und sich mit einem Tee einfach mal in der Ecke zu verkriechen. The Letting Go ist der Soundtrack hierzu. Und wer noch rechtzeitig zugreifen kann, der bekommt die Bonus-CD Little Lost Blues oben drauf: 10 Songs, allesamt Raritäten, B-Seiten und unveröffentlichtes Material aus den letzten Jahren. Husch, husch zum Plattenhändler!
Donnerstag, 5. Oktober, 2006 at 7:12 Uhr vormittags
(Rezensionen, Rock)
Angefangen, so zumindest die Aussagen der vier Bandmitglieder aus Las Vegas, hat alles als Blink 182-Covergruppe. Wow. Dann kam MySpace, ein Plattenvertrag bei Decaydance, die ersten kleinen Erfolge und schließlich der große Durchbruch durch die Dauerrotation auf MTV. Mittlerweile wurden vom Debüt weit mehr als 500.000 Kopien abgesetzt und für das Video von I Write Sins Not Tragedies noch kurzerhand ein MTV Award eingesackt.
Was sich nach einem ziemlich langen Weg anhört wurde in einem Schnellverfahren innerhalb eines Jahres durchgezogen und wird wahrscheinlich irgendwann in der Gosse enden, spätestens wenn sich keiner mehr für das zweite Album interessiert, der Songwriter und Sänger Brendon Urie in eine Sinnkrise fällt und die so genannten kreativen Differenzen letztlich zur Auflösung der Band führen. Wie es halt immer so läuft mit den musikalischen Indie-Eintagsfliegen. Ein zweites Merkmal dieser ist aber auch, dass sie zumindest ein Album veröffentlichen, das vollgestopft mit Hitsingles daherkommt. So auch hier. Das bereits angesprochene I Write Sins Not Tragedies, The Only Difference Between Martyrdom And Suicide Is Press Coverage und London Beckoned Songs About Money Written By Machines sind nur drei jener Songs, die einem wochenlang einfach nicht aus dem Kopf gehen wollen und man sich nachts im Bett wälzt, weil einem immer noch diese eine Melodie im Hirn herumschwirrt. Dazu – Surprise, Surprise – ist das alles sehr tanzbar und es wäre doch sehr verwunderlich, wenn der durchschnittliche Clubgänger nicht mindestens einen dieser Hits kennt. Nur die Leute dahinter kennt man meistens nicht, ist aber auch eigentlich egal. Was der Band nicht vorgeworfen werden kann ist, dass sie nicht schnell reagiere und sich nicht flexibel in die Marktlage einpassen könne: Stehen am Anfang ihrer Entwicklung wie bereits erwähnt Blink 182, so haben sich die Jungs kurzfristig noch ein paar Songs von den späten Taking Back Sunday und The Faint angeeignet, alles eingespielt, in den Mixer geschmissen, die Kanten geglättet, die lustigen Songtitel bei Against Me! geklaut und schwupps: fertig ist das Album des Jahres für den Indieclub deiner Stadt. In fünf Jahren wundert man sich dann, warum gerade dieses Album den Weg in den Plattenschrank gefunden hat. Für den Moment kann aber eine Aussage des deutschen Alltagsphilosophen H.P. Baxxter gelten: Move! Your! Ass!