Joanna Newsom - Ys

Donnerstag, 30. November, 2006 at 3:48 Uhr nachmittags (Rezensionen)

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Das musikalisch sehr durchwachsene Jahr 2006 neigt sich dem Ende zu und die üblichen Best of-Platten quellen bereits aus den Regalen des Plattenhändlers. Eigentlich kann Mitte dieses Monates der vernünftige Betrieb in Musikredaktionen eingestellt werden. Doch dieses Jahr, da hat sich doch tatsächlich noch eine Platte eingeschlichen, die so sonderbar, schön und wohl einzigartig zugleich ist, dass einem das Herz aufgeht. Die Rede ist von Joanna Newsoms neuem Album Ys, und damit von einer der besten Veröffentlichungen des aktuellen Jahres.

Joanna Newsom, die stimmlich irgendwo zwischen Emiliana Torrini, Beth Gibbons und Björk liegt, sitzt an ihrer übergroßen Pedalharfe, schaut gedankenverloren träumerisch ins weite Nichts und erfindet dazu märchenähnliche und poetische Geschichten über Bären, Affen, ein Mädchen Namens Emily oder andere Lebewesen. Dazu schüttelt sie hier und dort ihr elfengleiches und von einem Lichtkegel umgebenes Haar, um kurz darauf vom Boden abzuheben und zu fliegen … ok, das war jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber so ähnlich stellt sich der Rezensent die Aufnahmesessions zu Ys vor. Ein schmachtender Produzent – Steve Albini, der auch schon für Nirvana, die Pixies und PJ Harvey an den Reglern stand –, ein aufgrund all der Schönheit überforderter Orchesterdirigent – Van Dyke Parks, guter Freund von Brian Wilson –, und Mischer Jim O’Rourke – Ex-Pixies-Mitglied –: das sind die großen Namen, mit denen sich Joanna Newsom umgeben hat.

Zählt man das alles zusammen, so hört sich das nicht nur nach musikalisch ganz großem Kino an, sondern auch nach ganz zugepatschter Kunstkacke. Ja, das stimmt auch irgendwie. Gerade einmal fünf Songs haben es auf das Album geschafft, der kürzeste liegt bei acht, der längste bei siebzehn Minuten. Interessant ist, dass gerade das am spärlichsten instrumentierte Sawdust & Diamonds das intensivste der fünf Stücke ist. Joanna Newsom spielt auf ihrer Harfe und singt natürlich über die Liebe: „From the top of the flight / of the wide, white stairs / through the rest of my life / do you wait for me there?“ Ja, verdammt. Wahrscheinlich ist das gewöhnliche Ohr einfach nicht an so viel Poesie gewöhnt, als dass es alle Songs gleichermaßen wert schätzen kann. Aber das wird noch, das Album ist eines dieser so genannten Grower. Versprochen!

Joanna Newsom, die zum Kreise des vom Labelkollegen Bonnie „Prince“ Billy angeführten Freakfolk gezählt wird, hat mit Ys ein wunderbares Album vorgelegt. Natürlich wird es polarisieren, angefangen bei den üblichen Bedenken hinsichtlich einer etwas kauzigen Frauenstimme, über die mächtige Instrumentierung (u. a. Klarinetten, Flöten, Oboe, Trompete, Geigen, Celli, Banjo, Mandoline und, und, und), die an manchen Stellen an einen Film aus dem Hause Disney erinnert, die absurden, patchworkartigen und mysteriösen Geschichten, bis hin zur Harfe natürlich. Mein Gott, eine Harfe! Wie uncool ist das denn bitte? Aber das hier ist ja auch kein Rock and Roll, sondern Kunstkacke. Und da darf man das!

Kai Wehmeier

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Jorge Drexler - 12 segundos de oscuridad

Montag, 27. November, 2006 at 1:52 Uhr nachmittags (Pop, Rezensionen)

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Jorge Drexler war der erste Uruguayer, der einen Academy-Award gewann, für seinen Song Al otro lado del río, aus dem Film Motorcycle Diaries, und musste dann mit ansehen wie Antonio Banderas das Lied bei der Preisverleihung verhunzte. Zum Glück war noch Santana da und konnte dem ganzen noch etwas Stil beisteuern. Das war 2005 und nach diesem Schock musste er sich wohl erst mal in seinem Studio einsperren und diese Schmach ein wenig verdauen.

Ein Jahr später kam dann 12 segundos de oscuridad heraus und der Mann hat seinen guten Ruf wiederhergestellt. Geschickt vereint er traditionelle Musik Uruguays mit Jazz, und Elektroelementen und schafft damit ein poppiges Album, für das man sich nicht schämen muss, wenn man seinen Freunden davon erzählt. Besonders empfehlenswert sind Disneylandia, das von den Verrücktheiten der Globalisierung erzählt und dieses Phänomen von den guten und den schlechten Seiten beleuchtet. Der Song gibt einem dabei sowohl zu denken als auch zu schmunzeln. La infidelidad en la era informatica, das uns die Geschichte von einer Internetliebe erzählt und den Hörer mit Samples vom MSN Messenger verwirrt, vor allem, wenn man beim Hören des Liedes vor dem Computer sitzt, Inoportuna, mit dem sich Drexler zum Jack Johnson Südamerikas macht, und das Akustikcover von Radioheads High and Dry.

Das schlechte am Album ist, dass wenn man die Texte nicht versteht, einem das ganze ziemlich schnell ziemlich schnulzig vorkommen kann, wie das ja bei Latinokünstlern schnell mal passiert. Und dann sind schon ein paar Lieder dabei, die schnell mal den Gesamteindruck zunichte machen können.

12 segundos de oscuridad ist ein gutes Popalbum, das eine ziemlich große Bandbreite an Musikstilen abdeckt und intelligente Texte und schöne Kompositionen hat, aber doch ab und zu hart an der Grenze zum Kitsch steht. Deswegen vielleicht lieber erstmal anhören, aber vielleicht bin ich auch einfach nicht gefühlsbetont genug.

Thomas Mader

Offizielle Homepage:
http://www.jorgedrexler.com/

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Easy Star All Stars - Radiodread

Montag, 27. November, 2006 at 1:32 Uhr nachmittags (Rezensionen)

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Pink Floyd und Reggae? Ist das eine Kombination, die gut gehen kann? Wer die ersten Töne von Easy Star All-Stars Remix von Pink Floyds Money gehört hat, auf dem die Münzgeräusche der einarmigen Banditen durch Sauggeräusche von der Bong ersetzt wurden, der schreit ganz laut: Ja! Dann das ganze noch wortwitzig Dubside of the Moon genannt und fertig war ein Album, das sich mittlerweile fast schon eines Kultstatus erfreuen kann.

Jetzt haben sich die All-Stars Ok Computer von Radiohead vorgenommen, die Engländer zum entspannen nach Jamaika eingeladen und heraus kam Radiodread – A Reaggae Tribute.
Und weil Radiohead ja nicht irgendeine Band sind, konnten dafür auch noch echte Schwergewichte des Reggae und Dub gewonnen werden.
Toots and the Maytals nehmen sich Let Down vor und verwandeln das Stück in einen klassische Roots Reagge Hit, während sich Morgan Heritage Electioneering widmen und ein ganz neues Gewand verpassen. Israel Vibration zeigen, dass sich Jamaikaner im Urlaub einfach besser aufführen als Engländer und haben sich The Tourist rausgepickt. Bei dem Song denkt dann sicher keiner mehr daran als erster aufzustehen um sich noch eine Liege am Pool mit seinem Handtuch zu reservieren.

Aber auch die vielleicht etwas unbekannteren Künstler sind sehr gut gewählt. Horace Andy, der so manchen von Collabos mit Massive Attack bekannt sein könnte, hört sich bei Airbag schon ziemlich an wie Thom Yorke, gibt dem ganzen aber doch noch eine persönliche Note mit. Kirsty Rock säuselt süßlich bei Paranoid Android. Bei diesem Track kommt besonders schön die Reggae-Note zum Vorschein, wenn die im Original am Schluss einsetzende harte Gitarre durch einen Bläsersatz ersetzt wird.

Radiodread ist vielleicht nichts für absolute Radiohead-Puristen und hält auch weniger Überraschungen bereit, als die Machwerke von Nouvelle Vague, aber für diejenigen, die auf Reggae und Radiohead stehen, ist es natürlich genau das richtige. Und auch für solche, denen Radiohead immer zu depressiv war, die sich zwar über die Texte freuen konnten, aber gern mal eine unbeschwertere Gangart gewünscht hätten.

Thomas Mader

Offizielle Homepage:
http://www.easystar.com/

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Wolfmother - Wolfmother

Donnerstag, 2. November, 2006 at 2:11 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

Wolfmother

Immer wieder mal erscheint eine Gruppe, die einfach ein bisschen „mehr“ gibt. Niemand verlangt ja heutzutage noch, dass Musiker innovativ sind, um erstklassig sein zu können. Es kann vollkommen reichen, wenn sie einfach ein gutes Stück lauter, schriller oder unglaublicher sind als der Rest der Welt. Der nötige Zündstoff in der Chemie, der muss vorhanden sein, und wenn es dann „Peng!“ macht, ist ein großartiges Rockalbum auf den Markt gebracht, welches sich vom üblichen Musikformat, dem mittelmäßigen Rockalbum, angenehm abhebt.

Wolfmother sind so eine Gruppe, die lauter, schriller und so weiter ist. Wahrscheinlich haben sie sich als Kinder den Nachtisch beim Mittagessen erbrüllen müssen. Das ist durchaus förderlich für eine Rockstar-Karriere. Zudem lieben sie Musik, was ja auch nicht schaden kann. Abzulesen ist das an ihrer Zitierfreudigkeit, die – und das wird man nun wirklich ausnahmslos in jeder Rezension lesen – sich maßlos an den Siebzigern bedient. Herausstechende Vorbilder sind sämtliche Josh Homme-Bands, die sich ebenso an den Siebzigern bedienen, und Led Zeppelin. Immer wieder hört man typische, voranschnellende Page-Riffs. Und der gute Robert Plant stand sicherlich Pate für den ekstatischen Gesang Andrew Stockdales. Wolfmothers Debüt beginnt mit einem Schrei.

Es folgt sogleich der Gitarreneinsatz, und dann frage mich ich, wie es denn wohl kommt, dass der Sound so unweigerlich fett aus den Boxen schießt. Warum machen das nicht alle so? Viel zu viele sogenannte Retro-Bands bleiben anscheinend auf halber Strecke in die Vergangenheit liegen. Nicht so Wolfmother. Ihre Reminiszenz an alte Haudegen – auch an solche, die lange als uncool galten – kennt keine Grenzen. Ganz augenfällig wird dies in der besonders knarzig produzierten R’n’B-Salve „Love Train“: Mehr Siebziger geht gar nicht! Weiterhin reiten sie auf Einhörnern und Regenbögen, spielen Jethro Tull-Querflöte in Witchcraft und „Baba O’Riley“-Keyboards in Mind’s Eye, bringen ein Gitarrensolo, wann sie Bock haben. Keine Referenz ist verboten! An vorderster Stelle steht aber der straighte Rock Led Zeppelinscher Prägung, garniert mit Texten über Männlein und Weiblein: Baby, du machst mich heiß, bzw. Baby, wir könnten zusammen sein, bzw. Baby, wir beide sind so geil! Oder, im O-Ton: „Woman / You know you / Woman / You gotta be / Woman / I’ve got a feeling of love!” Robert Plant hätte es genauso gesagt.

Charakteristisch ist auch der Track Where Eagles Have Been. Er beginnt akustisch, ähnlich Led Zeps „The Battle Of Evermore“, und legt schon bald an Druck zu. Man ist ungeduldig im Wolfmother-Universum, und das ist gut so! Später kommt eine Kyuss-Basslinie hinzu (vergleiche „Asteroid“). Was hier wie ein postmodernes Zitatenprogramm wirkt, passt im Song alles höchst unterhaltsam hintereinander. Das kann einfach nur an Wolfmothers unbändiger Spielfreude liegen, die sich über das gesamte Werk hinzieht. Niemandem geht hier die Luft aus. Und niemand ist darauf angewiesen, die Originale zu kennen, um Wolfmother zu mögen. Man kann sich von vorne nach hinten oder von hinten nach vorne in der Musikgeschichte durchhören. Im letzteren Fall wäre dieses Album ein guter Startpunkt.

Henning Baucke

Offizielle Homepage:
http://www.wolfmother.com/

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