Autorenpoll 2006
Was ist noch überflüssiger als ein Kropf? Richtig: ein Autorenpoll, in dem die Schreiberlinge dieser oder jener Publikation ihre Meinungen in das Volk schmeißen, das sich angewidert abdreht oder wahlweise mit dem nackten Finger zeigt und höhnisch lacht. Kein …Trail of Dead? Ketzer! Mars Volta auch nicht? Auf den Scheiterhaufen! Da unsere Zunft aber nichts besseres in den Monaten Dezember und Januar zu tun hat – und uns beim besten Willen keine bessere Einleitung einfallen will – hier nun auch unsere Meinung, die ihr natürlich ungefragt übernehmen und lieben müsst.
Viel Spaß und ein gutes, neues Jahr wünscht Euch das Mixtape-Team.
Tool – 10.000 Days. Wer fünf Jahre für ein Album braucht, muss dann gefälligst auch den Stoff für zwei verbraten! 10.000 Days ist Tools homogenstes Album, selbst die Lückenfüller sind toll. Ob es ihr bestes ist, darüber streiten Expertenrunden.
OSI – Free. Ex-Frickelkeyboarder Kevin Moore führt mit sporadischer Zuhilfenahme von Stromgitarren die Ideen fort, die er auch bei seinem anderen Projekt Chroma Key einbringen könnte. Atmosphärisch ausgestattete Stücke mit brüchigem Gesang und viel Gefühl hinter der Elektronikwand. Ich nenne es gerne Songwriter-Industrial.
Archive – Lights. Das längste Stück ist dieses Mal achtzehn Minuten lang und jeden Penny wert, obwohl es nur aus Repetition besteht. Bei Archive steckt nämlich das Genie im Detail und die Schönheit im Ganzen. Etwas elektronischer sind sie wieder geworden, aber ansonsten gilt das übliche Lob: Tanzbar und elegisch zugleich!
Iron Maiden – A Matter Of Life And Death. Gute Akkordarbeit, hochklassiger Gesang und ordentliche Produktion sind zwar vorhanden, doch die meisten Stücke sind einfach viel zu lang, ohne abwechslungsreich zu sein. Nicht einmal ein Poem von Samuel Taylor Coleridge gönnt man sich bei der Überlänge. Stattdessen noch mehr Strophenwiederholungen und Schnarchnasenintros. Dann lieber more of the same aus dem Archiv.
Henning Baucke

Gnarls Barkley – St. Elsewhere. Über meine persönliche Nummer 1 des Jahres 2006 muss ich nicht nachdenken: Das ist Gnarls Barkley’s St. Elsewehere – und wer was anderes sagt, lügt! Normalerweise bin ich kein Geschmacksfaschist, aber hier mach ich mal ‘ne Ausnahme. Wer St. Elsewhere nicht mag,… wird ab sofort nicht mehr gegrüßt. So.
Jurassic 5 – Feedback. Beruhigend zu hören, dass HipHop noch nicht völlig zum Klischee vom dealenden, sexistischen Möchtegern-bad-ass-Motherfucker degradiert worden ist. Keine tiefgehende Message, dafür aber auch kein seichtes Gesülze, das sich dafür hält. Da kann man sich auch mal auf die Musik konzentrieren – mindestens mit lässigem Kopfnicken, unter den angemessenen Rahmenbedingungen jedoch mit vollem Körpereinsatz.
Lily Allen – Alright, Still. Schöne Stimme mit schönem britischen Akzent, Pop, der gute Laune macht und originell ist. Mit KT Tunstall und Corinne Bailey Rae das Beste was 2006 an weiblicher Popmusik hervorgebracht hat.
Pharrell Williams – In My Mind. Enttäuschungen gab es natürlich auch. Wer war nun aber die größere – Nelly Furtado’s Loose oder Pharrell Williams’ In My Mind? So grottig wie Loose streckenweise war – es gab auch ein paar gute Sachen. Das gilt für In My Mind noch eingeschränkter. Außerdem kann man Pharrell Williams anlasten, dass er nicht nur als Sänger sondern auch als Produzent sein Können mehr als einmal unter Beweis gestellt hat. Weshalb also nicht auf seinem Solo-Album? So gesehen lässt sich die Frage nach der Enttäuschung 2006 also doch beantworten…
Solveig Wrage

Two Gallants – What The Toll Tells. Und schon wieder kommt das beste Album des Jahres vom Label Saddel Creek. Textlich tief verwurzelt in der Dust Bowl-Tradition und musikalisch sprunghaft zwischen Country, Folk, Punk und den lonesome Songwritern prügelten und fühlten sich die beiden dürren Herren nicht nur durch das Album, sondern auch durch ihre Konzerte. Emotion, Intensität und Moshpit sind hier die Stichworte. Vielen Dank für diese Platte in einem musikalisch doch sehr durchschnittlichen Jahr.
The Thermals – The Body The Blood The Machine. Die tendenziell professionelle Produktion stieß zwar vielen Fans zunächst sauer auf, aber wenn man einmal ehrlich ist, dann war dies die beste Entscheidung der Band. Heraus kam ein Album voller Hymnen mit großartig intelligenten, ironischen und sarkastischen Texten zu den Themen Kirche, Präsident und Liebe natürlich. Schraddelpunk vom Allerfeinsten, der tatsächlich den Vergleich mit den Pixies nicht zu scheuen braucht.
Joanna Newsom – Ys. Ich kann leider nicht sagen, wann genau der durchschnittliche Hörer auch nur im Entferntesten eine vage Ahnung von dem haben kann, was hier auf künstlerischer und textlicher Ebene passiert. Ich weiß nur: Ich habe diese vage Ahnung noch nicht. Ys wird die Gemeinde der Musikliebhaber noch einige Zeit beschäftigen, so viel steht fest. Orchestral untermalte Harfenmusik einer jungen, amerikanischen Singer/Songwriterin. Hört sich komisch an? Ist es auch. Und grandios noch dazu.
Tomte – Buchstaben über der Stadt. Nein, nein, nein. Das war nichts. Oder fast nichts. Das, was auf Hinter all diesen Fenstern noch strahlte, verkommt hier zu einem Brei aus leeren Worthülsen und Quacksalberei, zu nochmal gewollt, aber leider nicht gekonnt. Auch wenn es dann wieder heißen wird, wir Schreiberlinge wären eh alle doof und hätten keine Ahnung: Die Geigen bei Wonderful World sind die Krönung des schlechten Geschmacks und wohl das Schlimmste, das jemals das Tonstudio des GhvC verlassen hat. Entschuldigung, Thees.
Kai Wehmeier

Beirut – Gulag Orkestra. Egal ob das jetzt Gipsy Folk, Balkan Blues oder Blechblasweltmusik genannt wird, wie der 20 jährige Amerikaner Zach Condon seine Reiserfahrungen mit so ziemlich jedem zu findenden Instrument verarbeitet ist (un)wirklich bezabernd. Und mit Songtiteln wie Prenzlauer Rhineland (Heartland) und Prenzlauer Berg gewinnt er sowieso.
Fotos – Fotos. Gute Bilder taugen ohne die jeweiligen Referenzobjekte ja auch nichts. Deshalb stelle man sich vor: die vier Hamburger Jungs von Fotos hören sich an wie Hund am Strand, die von Oliver Twist Gassi geführt werden und sich in einer englischen Stadt verlieren. Nur poppiger, zackiger und mit mehr Hybris und Hymmnen ausgestattet.
Hot Chip – The Warning. Hot chip kombinieren Funk, Electro, Indie und die üblichen Kinderspielzeuge derart galant, dass man sich nicht ärgern darf, wenn das Album etwas zucktiger und langsamer ist als die Singles vermuten lassen. sonst gibts ja immer noch Gnarls Barkley.
Mando Diao – Ode to Ochrasy. Wie, Mando Diao hören sich auf ihrem dritten Ablum genauso an wie auf ihrem zweiten? Auf ihrem ersten? Bekannte Powerharmonien und Dengelgitarren im Überdruss, hauptsache die Mädchen freuts. Oder?
Philipp Heubgen

Nicky Wire – I Killed the Zeitgeist. Angeblich ist Nicky Wire kein echter Musiker: er kann nicht singen, er ist kein Meister eines Instruments und bislang komponierte er eher Texte, keine Songs. Per Lexikondefinition mag das technisch betrachtet stimmen – und ist völlig irrelevant. I killed the Zeitgeist ist ein mutiges Album, das in seiner charmanten Low-Fi Art eine Collage aus punkigem Garagensound, feinen Popmelodien und literarischen Zitaten bastelt, die durch die Leidenschaftlichkeit des Vortrags besticht und sich dabei nur zu gerne zur Zielscheibe der hehren Musik(er)kritik macht. Die melancholischste Rebellion des Jahres.
Red Hot Chili Peppers – Stadium Arcadium. Es ist die Liebe zum Detail, die es dieser inzwischen riesengroßen Band erlaubt im besten Sinne des Wortes klein zu bleiben, intim, persönlich und eigen. Ausgefeilte Songstrukturen und Harmonien, abwechslungsreiche Rhythmen, eine gute Prise Funk und unwiderstehlich eingängige Melodien, die sich jedoch nicht abnutzen, sondern bei mehrmaligem Hören durch eine schier unendliche Fülle feiner, subtiler musikalischer Ideen stetig an Reiz und Tiefe gewinnen – das sind die Zutaten von Stadium Arcadium. Die Red Hot Chili Peppers sind längst im Mainstream angekommen, aber der Mainstream nicht in der Musik der Red Hot Chili Peppers. Respekt.
Dirty Pretty Things – Waterloo to Anywhere. Alle Bandmitglieder der Dirty Pretty Things haben bereits einen langen Weg hinter sich, was seinen Niederschlag in den schönen, teils wütenden, teils introspektiven Texten findet, nicht unbedingt jedoch in der Musik selbst: Waterloo to Anywhere klingt in vielerlei Hinsicht wie ein unbeschwertes Debüt – und ein grandioses Independent-Album noch dazu. Schnell, laut, präzise gespielt, aber ebenfalls versehen mit der Liebe zu kleinen Fehlern und ruhigen Momenten, spricht das Album Kopf, Herz und Beine an. Das ist Musik mit Haltung, mit Überzeugung, mit Passion – und daher gleichermaßen etwas für Träumer und Tänzer.
Adam Green – Jacket Full Of Danger. Manchmal liegt die Enttäuschung in dem begründet was fehlt, nicht dem was da ist. Auch Jacket Full Of Danger bietet Adam Greens unverkennbaren Gesang, wenngleich mit etwas weniger Augenzwinkern versehen als zuvor, skurrile, inzwischen ein wenig abgemilderte Texte, simple kleine Folk-Pop-Melodien, die seit einiger Zeit streckenweise sogar einen Himmel voller Geigen zur Seite gestellt bekommen. Was fehlt, ist das, was Adam Greens Musik bislang auszeichnete: der Charme, die Lebendigkeit, die Überraschungsmomente. Das Songwriting wirkt momentan so müde wie Adam Green selbst – eine kleine Auszeit könnte hier sicher Wunder wirken.
Ilona Rieke

