Festival Electrónica en Abril, 20. - 23. April 2007, Casa Encendida, Madrid

Dienstag, 24. April, 2007 at 9:31 Uhr nachmittags (Konzerte)

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Vom Freitag dem 20. bis Sonntag dem 23. fand in Madrid in der wunderbaren Casa Encendida das Festival Eléctronica en abril statt, dass mit einem kleinen aber sehr feinen Line-Up aufwartete und mit 3 Euro Eintritt pro Konzert jedem die Möglichkeit boten sich aus seinem Sofa oder Sessel zu schälen um sich ein wenig zur Musik zu bewegen.

Am Freitag wurden Hyperdub Labelchef Kode9 und The Spaceape eingeladen und präsentierten den derzeitigen englischen Hype Grime und Dubstep, konnten das Publikum aber trotz guter Performance und diverser Runden von MC Spaceape durchs Publikum und einem Dubstep Cover von Olivia Newton Johns Let’s get physical nicht wirklich animieren. Vielleicht hat Musik, die in den tristen Industrielandschaften Englands mit grauem Himmel entstanden ist und die normalerweise in irgendeinem Keller, in dem Schweiß von der Decke tropft, für ein wütendes und frustriertes Publikum gespielt wird keine große Chance in einem Land, in dem die Sonnentage die wenigen Regentage locker in die Tasche stecken.

Der Hauptact am Freitag war El-P, Schwergewicht der amerikanischen Independent-HipHop Szene und Labelboss von DefJux, der gerade, nach vier Jahren Pause sein neues Album I’ll slepp when youre dead herausgebracht hat. Mit Liveband und DJ Mr. Dibbs in Camouflagedress und Make-up-Kopfschusswunden auf der Bühne bot El-P erst mal ein eindrucksvolles Bild, zeigte aber auch gleich, was für ein charismatischer Typ er ist, erzählte Geschichten, animierte das Publikum immer wieder zu mehr Lärm und Bewegung und präsentierte einen energetischen Querschnitt durch sein Repertoire, von Vital Nerve über Stepfather Factory bis hin zu seiner neuen Single Flyentology (feat. Trent Renzor von Nine Inch Nails). Ob es nun die Sprachbarriere oder das fehlende Interesse des Publikums an HipHop war, die das Ambiente des Konzerts etwas drückte kann ich jetzt nicht genau sagen, aber man konnte den Künstlern im Gesicht ablesen, dass sie normalerweise eine etwas andere Publikumsreaktion gewohnt sind.

Für die Konzerte am Samstag konnte ich wegen des großen Publikumsandrangs leider keine Karten mehr ergattern, aber Freunde die dort waren versicherten mir, dass der Finne Mika Vaino, die Post Industrial Boys und das Londoner Quartet Spektrum jeweils sehr gute Shows ablieferten und das Publikum zu begeistern verstanden.

Den Anfang am Sonntag machte Ekkehard Ehlers, der 2006 sein Album A Life Without Fear auf dem fantastischen Label Staubgold herausgebracht hat und sich nun im Auditorium dem Publikum stellte. Auf der Bühne ein Mann in schwarzem Hemd mit breiter Krawatte, mit korrekt gescheiteltem und nach hinten gekämmten Haar, der, wenn das Hemd nicht so schick wäre, locker als deutscher Beamter durchgehen könnte, umgeben von seinem wenigen Equipment und einem Laptop auf dem Schoß. Die Performance sehr postmodern. Der Blick des Künstlers während des ganzen Konzerts starr auf den Bildschirm gerichtet, die Bewegungen minimal, hier und da wurde ein Schalter umgelegt oder ein Knopf gedrückt, und nicht ein Lächeln für das Publikum. Das Konzert war eins von der Sorte, das man am besten im Liegen verbringt um sich entspannt besser auf die erschaffenen Klangwelten konzentrieren zu können. Das Publikum teile sich in vier große Gruppen auf. Diejenigen, die, den Kopf auf Daumen und Zeigefinger gestützt, mit angestrengtem Gesichtsausdruck versuchen die Essenz der Klänge herauszufiltern, der Typ: Ich schließe die Augen um besser zu sehen zu können, diejenigen, die mit leicht unverständigem, aber amüsiertem Gesichtsausdruck die Performance mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen beobachten und schlussendlich diejenigen, die sich schwer zusammenreißen müssen, um ihr Gähnen zu unterdrücken. Alle anwesenden, außer denen, die schon mit einem Gähnen im Gesicht den Saal betreten haben, durchlaufen sämtliche Phasen und der Applaus am Schluss des guten Konzertes ist gerechtfertigt und das Publikum wird dann doch mit einem Lächeln von Ehlers beschenkt, dass ihm die Beamtenaura wieder raubt, denn so freundlich hat dich der Mann am Postschalter noch nie angelächelt.

Stiltechnisch gab es dann einen harten Schnitt und die international bekannten und versierten amerikanischen Untergrund MCs Edan und Dagha betraten die Bühne. Und da wurde alles aufgetischt um eine HipHop Show Deluxe abzuliefern. Tanzschritte, Beatjuggling der beiden MCs an zwei Turntables, Beatboxing, Live-Einlagen mit Gitarre und Kindertröte, da wurden Stimmen am Mikrophon mit Fernbedingungen verzerrt, Blumen an das Publikum verschenkt, The Velvet Underground gecovert, funky Beats aufgelegt, perfekt koordinierte Hochgeschwindigkeitsraps durch das Mic gepumpt und Perücken getragen, auf die sogar Helge Schneider neidisch wäre, aber… irgendwas ist da furchtbar schief gelaufen. Wenn die Publikumsreaktion am Freitag bei El-P schon nicht besonders energievoll war, dann war das was das Publikum am Sonntag an Reaktion zeigte das undankbarste was Edan und Dahga in ihrer Karriere wahrscheinlich ertragen mussten. Um eins klar zu stellen: Die Show war eine der besten und einfallsreichsten Performances, die ich von HipHop Künstlern je gesehen habe und hätte in Deutschland noch das letzte Kaff gerockt, aber in Madrid konnte im Publikum nicht mal ein müdes Husten vernommen werden. Wenn alle, denen die Musik nicht gefallen hat den Saal verlassen hätten, dann wären ich und noch zehn andere Leute, von insgesamt vielleicht 200, vor der Bühne geblieben und dann wäre das Ganze vielleicht auch ne Nummer besser geworden. So konnten einem die beiden MCs nur Leid tun und man um ihret Willen hoffen, dass sie sich selbst einen Gefallen tun und es bei einem Konzert in Madrid belassen.

Die Headliner am letzten Abend des Festivals waren dann die Jungs von Matmos, M.C. Schmidt und Drew Daniel, mit einem Gast-Bassisten und präsentierten ihr neuestes Album The Rose Has Teeth In The Mouth Of A Beast, auf dem sie sogar mit Gästen, wie Björk und Anthony von Anthony and the Johnsons aufwarten.

Das Konzert war sehr sphärisch gehalten, mit minimalistischen aber mysteriösen Hintergrundvideos, einer Vielzahl von Instrumenten, wie Piano, Synthie, Bassgitarre, diverse Perkussionsinstrumente, darunter ein sehr bizarres Instrument, dass ich noch nie zuvor gesehen habe, eine Art Gummischlauch, der etwas wie ein Dildo aussah und Geräusche, wie ein schreiender Schimpanse machte. Fast zwei Stunden erschufen die drei Künstler sublime Klänge und führten das Festival zu einem würdigen Ende.

Wer es bis nächstes Wochenende noch nach Madrid schafft, der kann sich das vom 27. bis zum 29. stattfindende Festival mit elektronisches Musik aus Portugal Electrónica portuguesa gönnen, dessen Line-Up sich sehr interessant anhört und das wieder jeweils nur 3 Euro pro Konzert kostet. Aber auch ansonsten ist die Casa Encendida immer einen Besuch wert, um kurz ins Internet zu gehen, die ständig wechselnden Kunstausstellungen zu sehen oder um sich auf der spektakulären Dachterrasse zu entspannen.

Thomas Mader

Offizielle Homepage:
www.lacasaencendida.com/
Ekkehard Ehlers: www.autopoieses.de/
Edan: www.humblemagnificent.com/
Dagha: www.Dagha.com
EL-P: www.myspace.com/elproducto
Kode9/The Sapceape: www.kode9.com/
Matmos: brainwashed.com/matmos/

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