Porcupine Tree - Fear Of A Blank Planet

Montag, 30. April, 2007 at 11:09 Uhr nachmittags (Rezensionen, Rock)

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Always the summer is slipping away” hieß eine der schönsten Textzeilen von Porcupine Tree. Genauso klang nämlich ihre Musik: wie das Dahinwehen eines vergehenden Sommers. Zwar war es noch hell und warm ringsum, aber innerlich spross das Wissen um Vergänglichkeit. Für diese zarte Melancholie stand die Band um Steven Wilson. Dabei war der vergehende Sommer so lang und endlos schön, dass ich mir nie Gedanken über den anstehenden Herbst machte.

Doch die Zeichen waren eindeutig, dass Porcupine Tree mal wieder auf einen Wendepunkt zusteuerten. Fear Of A Blank Planet ist als solcher vergleichbar mit Stupid Dream, ihrem eingängigsten Album, auf welchem sie die psychedelischen Ausschweifungen früherer Tage zugunsten schwelgender Endsechziger-Hymnen ablegten. Danach legte Steven Wilson die Hebel erneut um, und die Entwicklung seiner Band im neuen Jahrtausend kündigte an, dass sie zu metallischeren und beklemmenderen Klängen tendierte. Jedes Album ist bei Porcupine Tree ein Vorbote für das nächste – so funktioniert Steven Wilsons Veränderungsethos. Nicht zuletzt, weil dessen Zweitband Blackfield dem Inszenieren melodischer Schwelgereien gewidmet ist, war abzusehen, dass Porcupine Tree die hymnische Emphase mehr und mehr eindämmen würde. Meinetwegen darf ab jetzt getrauert werden.

Mit dieser Absage an jene Eingängigkeit, die bisherige Alben auszeichnete, stellt sich natürlich die Frage, wie die (neben Tool und The Mars Volta) beliebteste Band moderner Progrock-Fans denn nun ihre Brötchen verdienen will. Steven Wilson selbst war nie allzu glücklich darüber, in die abgeschlagene Ecke der Progressive Rock-Szene eingeordnet zu werden. Jetzt, wo er endlich auch in anderen Kreisen Beachtung findet (die Indie-Presse kennt ihn, das Hurricane/Southside ruft zudem), macht er auf seinem neuen Album: Progrock! Zumindest mehr als je zuvor. Stücke, die die Zehnminuten-Grenze überschreiten, hat er ja schon vorher komponiert, aber auf Fear Of A Blank Planet durchläuft das siebzehnminütige Anesthetize nicht nur zahlreiche Dynamikumbrüche und musikalische Themen, nein, es ist auch noch suitengleich in drei Abschnitte unterteilt! Nicht mehr die Melodien, sondern der Aufbau bildet den Anspruch der Stücke. Die Stimmung wird nicht erzeugt, weil sie den Hörer gefangen nimmt, sondern weil der Hörer so viel in ihr zu entdecken hat. Das ist die Leistung der neuen Porcupine Tree. Und das ist eine ganz andere Leistung als diejenige, die sie bisher erbrachten.

Sämtliche Stücke sind stark durchkomponiert und mit Brüchen versehen, die niemals aufgesetzt wirken. Selbst die fünfminütige Ballade Sentimental, die noch ein wenig an Blackfield oder alte Porcupine Tree erinnert, durchläuft eine eigene Entwicklung, beginnend mit zartem Piano, dem später dezidierte Akkorde auf der Akustik-Gitarre beigefügt werden (und ja: diese erinnern tatsächlich an das Stück Trains, dem obiges Zitat entstammt).

So weit, so gut. Also wieder eine lohnenswerte Umgewöhnung für den Fan? Ja, schon, bedingt. Die Schwierigkeiten des Albums liegen an anderer Stelle. Fear Of A Blank Planet ist ein Konzeptalbum, eines über jugendlichen Verrohungswahn, über Internet, X-Box und MTV, über Teilnahmslosigkeit und Psychopharmaka. Also immerhin nichts über Zauberer und Drachen. Trotzdem muss ich kritisch anmerken, dass diese Themen einfach keinen poetischen Gehalt haben. Wenn an einer elegischen Stelle „a song comes onto my ipod“ gesungen wird, dann passt da etwas nicht zueinander - und es bedarf eines gewissen Aufwandes, darüber hinweg zu hören. Das Problem bei Fear Of A Blank Planet liegt darin, dass Steven Wilson sich auf ein Konzept versteift, das nicht die Abschweifungen zulässt, die die Musik befördern kann. Wenn man dies ausblendet, das Licht dimmt und Kopfhörer aufsetzt, spielt sich durchaus ein innerer Film ab. Aber er handelt gewiss nicht von daddelnden Jugendlichen. Da bewirkt die Musik mehr, als sie eigentlich – rein konzeptuell – darf.

Ich wüsste gerne, wie sehr mir das Album gefallen würde, wenn diese textliche Ebene rausfiele. Es ist schwierig, die anderen Makel davon losgelöst zu beurteilen: Die Produktion könnte besser sein, der Gesang Wilsons ebenfalls; in diesen Punkten sind Porcupine Tree an ihren Leistungen aus der Vergangenheit zu messen. Sowohl der Klang als auch die Melodien wirken manchmal gepresst, ganz als dränge das Konzept sie nach vorne. Einige elektronische Spielereien wirken etwas deplaziert, auch wenn sie von Robert Fripp stammen mögen, der als Gast zugegen ist.

Diese letztgenannten Mängel scheinen durch den Verlauf der Stücke ausgeglichen werden. Ist man erst einmal drin im Album, hört man es von vorne bis hinten durch und lässt sich auf die Atmosphäre ein, die jede Menge Facetten von metallischer Härte über symphonische Schwere bis zu zerbrechlichen Piano-Akkorden bereit hält, dann durchläuft man eine Vielzahl von Stimmungen, die untereinander mal unmerklich, mal bewusst wechseln. Man muss nur mittendrin sein, verfolgen, wie die emotionale Rohmasse in der Hochebene verbreitet wird. Das Gesamtgefüge ist hier der Star, man könnte schon sagen: das Konzept. Nur eben nicht das Konzept, über das Steven Wilson schreibt. Es sei ihm bis zum nächsten Album verübelt. Die Eigenleistung, die der Hörer aufbringen muss, um die Texte wegzudenken, wäre nämlich wirklich nicht nötig gewesen!

Henning Baucke

Offizielle Homepage:
http://www.porcupinetree.com/

1 Kommentar

  1. monika sagte,

    Dienstag, 15. April, 2008 um 8:53 Uhr nachmittags

    wieso ist eine Kirsche süss obwohl es keinen Zucker hat
    ?????

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