Tori Amos - American Doll Posse

Es gab mehrere Punkte in der Karriere von Tori Amos, an denen sie vollends abzuheben drohte. Man denke nur zurück an das hochgradig strukturlose, emotional sehr verschlungene Boys For Pele-Album. Oder an ihre Coverversionen von Slayer und Eminem. Hat es ihr jemand wirklich übel genommen? Wohl eher nicht. Tori Amos ist nun einmal bekannt dafür, als ebenso exzentrische wie introvertierte Dame die Suppe auch mal überschwappen zu lassen. Wenn sie nun auf ihrem neunten Album in fünf verschiedene Rollen schlüpft, nur um diese im Sinne eines ganzheitlichen Feminismus wieder unter einem Dach zu vereinen, kann man dementsprechend ganz lakonisch antworten: Na, typisch. Es täte ihr ein wenig Unrecht – schließlich hat sie sich über die Jahre als Songschreiberin bewährt.
Wir wollen ihr kein Unrecht tun und dringen in die Materie ein, aus der dieses Album entstanden ist: Pip, Clyde, Isabel und Santa, so heißen die vier Charaktere, die Tori erschaffen hat. Den Reigen ergänzt sie durch ihre Anwesenheit als sie selbst – und das, wo doch ohnehin die vier anderen Damen Spiegelungen ihrer selbst sind. Allesamt sind sie außerdem an griechische Göttinnen angelehnt – und doch verschließen sie sich jeder einengenden Typisierung, was eine Auseinandersetzung mit dem Albumkonzept nicht gerade einfach macht. Es waren schon einige Anläufe für mich notwendig, um halbwegs dahinter zu kommen, wer denn nun eigentlich wer ist und warum. Schließlich hat jede von ihnen auch noch die verschachtelte Lyrik gern, die Tori Amos immer schon bediente.
Alle fünf feiern nacheinander einen beeindruckenden Einstand. Sei es Isabel, die gleich am Anfang ein kurze Konfrontation in Richtung „King George“ schickt. (Isabel ist die politischste unter ihnen.) Sei es Tori mit ihrer schnellen fast-schon-R’n’B-Nummer Big Wheel. Sei es Clyde mit Bouncing Off Clouds, der hervorragend ausgesuchten, weil absolut herzerweichenden ersten Single des Albums. Sei es Pip, die von ihrer Teenage Hustling-Karriere prahlt. Oder sei es Santa, die uns zum ersten von zwei Malen den Blues macht (You Can Bring Your Dog). Das alles sind Stücke, die man auf einem Album von Tori Amos nicht erwartet hätte, und sie wirken durchaus erfrischend, gerade weil ihre Stimme die Genres zwar verfremdet, aber nicht versaut.
Einige der schönsten Stücke werden von Clyde gesungen. Clyde, das ist die Facette von Tori, die sie so beliebt beim anderen Geschlecht macht - auch bei solchen Männern, die das Wort Feminismus niemals aussprechen. Clyde ist zart und verständnisvoll, emotional tiefschürfend und deswegen wohl die verletzlichste unter den Damen. Die sanft dahin perlenden Stücke Girl Disappearing und Roosterspur Bridge klingen noch am ehesten nach den frühen Neunzigern. Ihr gegenüber stehen Pip und Santa. Letztere überrumpelt mit einer hohen Zurschaustellung ihrer Sinnlichkeit, erstere durch immanenten Zorn und rauen Umgang. Beides mag bedrohlich wirken. Etwas außen vor ist Isabel, die Journalistin, die den politischen Zeigefinger erhebt.
Der Großteil des Albums gibt sich gewohnt direkt und eingängig, wie es seit Scarlet’s Walk der Fall ist. Manchmal – bei Secret Spell etwa – steht es an der Grenze zum Banalen oder ist einfach nur nett anzuhören. Bei 23 Liedern ist es nicht unwahrscheinlich, dass Höhen und Tiefen durchklommen werden. Und bei fünf Erzählstimmen kann durchaus der Zusammenhang verloren gehen. Mag das Label erklären, American Doll Posse sei die Quintessenz aller Tori-Alben, so lässt sich dies auch umgekehrt für ihr Debüt Little Earthquakes behaupten, das für viele Fans vollkommen und unerreicht ist. Dieser Verweis ist eben so leidig wie unausrottbar.
American Doll Posse ist übrigens Tori Amos’ erstes Album nach Aerial, dem großartigen Spätwerk von Kate Bush, der Elfen-Großmutter, wenn man so will, da Tori inzwischen auch Mutter ist. Kate Bush bzw. Elfen im Allgemeinen: Auch das ist wieder so ein Vergleich, mit dem man ihr in gewohnter Regelmäßigkeit Unrecht tut – und trotzdem bringe ich ihn gerne. An zwei der wunderschönsten Stellen klingt sie wie das vermeintliche Vorbild: In Beauty Of Speed, wenn sie „See the colors changing“ tiriliert. Und im abschließenden Dragon, dem einzigen Stück, das Strukturen auflöst und wunderbar vor sich hin flaniert. So etwas hätte sie ruhig öfter machen können. American Doll Posse ist ein in Teilen herausragendes Album, das vor allem in den ersten Stücken viel verspricht, was es später stellenweise einlöst. Letztendlich ist das Konzept mit seinen zahlreichen Facetten jedoch selbst für die 80-minütige Spielzeit einfach zu groß. Es endet in einer Ansammlung von Songs, von denen man einige gut, andere nicht so gut und wiederum andere super finden wird.
Henning Baucke
Offizielle Homepage:
http://www.toriamos.com
Hans sagte,
Freitag, 15. Juni, 2007 um 9:31 Uhr vormittags
Hervorragend treffende Rezension