Rufus Wainwright – Release the Stars

Kleiner sollte es werden. Spärlicher instrumentiert. Ein Protestalbum gar. Um es vorweg zu nehmen: der mit Spannung erwartete Nachfolger der schwelgerischen, (größen)wahnsinnigen und herrlich selbstverliebten Want 1 und Want 2 Alben ist weder klein, noch zurückhaltend, noch explizit politisch. Und vielleicht ist Release the Stars gerade deshalb soviel mehr als das.
Ich teile Thees Uhlmanns Leidenschaft für das wunderschöne Wort Nichtsdestotrotz, und Release the Stars ist der ideale Anlass es endlich einmal guten Gewissens zu verwenden, um der Haltung Ausdruck zu verleihen, die sich in jeder Note dieser 12 Songs widerspiegelt. Wo manche ihre Revolution tanzen, manche sie schreien und manche sie träumen oder gar leben, da sitzt Singer/Songwriter Rufus Wainwright einfach singend am Klavier und schleudert der Welt seine musikalische Vision mit einer solchen Kraft und Perfektion ins Gesicht, dass ihr selbst alle Hässlichkeit der Welt nichts mehr anhaben kann. Das ist pure Schönheit. Auch eine Art von Revolution. Nichtsdestotrotz. Natürlich liegt diese ganze üppige Schönheit zum Teil auch im Thema des Albums begründet, denn Release the Stars handelt von der Liebe in all ihren Facetten, sei es die Liebe zu einem Menschen, zu einem bestimmten Ort oder zum Leben selbst. Fast jeder Song ist eine Reflektion über den Schmerz und das Glück, die mit ihr einhergehen, über den unersättlichen Hunger nach ihr, über die Fähigkeit sie zuzulassen, die Unfähigkeit sie auszuhalten, die Angst vor ihrem Verlust und die Freude am perfekten kleinen Moment, der so flüchtig und doch alles wert ist. Musikalisch vielschichtig und dennoch in sich geschlossen, reichen sich auf dieser Platte große, vom Orchester getragene Stücke und leise, vom Klavier dominierte Lieder die Hand. Jeder Track findet einen neuen Ton, eine neue Geste, und egal ob es sich um das anmutige zu pompöser Größe anschwellende Do I disappoint you, das melancholisch-hymnische Going to a town, die Song gewordene Leichtigkeit von Tiergarten, das tanzbare Between my Legs, die Stille von I am not ready to love, das verspielt-absurde Tulsa, das große, dramatische Finale Release the Stars oder irgendeinen anderen dieser gottverdammt perfekten Songs handelt, nie greift Rufus Wainwright musikalisch oder emotional daneben, nein, unerhörter Weise wachsen die Songs bei mehrmaligem Hören sogar noch, so dass man sich manchmal fast fragen will, ob das wohl alles mit rechten Dingen zugeht.
Einer der wenigen Songwriter, der seine Zuhörer auf eine vergleichbare Art mit jener intensiven, fast schon verstörenden Schönheit und den ganz großen musikalischen Gesten konfrontierte, war Jeff Buckley. Über ihn schrieb Bill Flanagan 2004 anlässlich des zehnjährigen Jubiläums seines inzwischen legendären, aber tragischerweise einzigen Studioalbums Grace: „He made beauty cool again.“ Was für ein Kompliment. Und wie wahr, wie wahr. Das Gleiche kann man nun mit gutem Recht auch über Rufus Wainwright sagen. Release the Stars ist sein fünftes Album. Groß ist es geworden. Schwelgerisch. Und ein Protestalbum. Denn was kann angesichts der Wirklichkeit provokativer sein, als die Erschaffung von solch hemmungsloser, unnachgiebiger Schönheit?
S. Ilona Rieke
Offizielle Homepage:
http://www.rufuswainwright.com/