Editors - An End Has A Start

Freitag, 13. Juli, 2007 at 11:47 Uhr vormittags (Pop, Rezensionen, Rock)

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Neulich, als ich mit ein paar Kollegen zum Feierabendtrunk einkehrte, durchstreiften wir in bierseliger Laune die neuesten Erscheinungen am Rock- und Pop-Himmel, wie es unser Auftrag scheint. Die Sprache kam auf die Editors und deren Titel Smokers Outside The Hospital Door. Über diese Symbolik des Rauchens vor der Krankenhaustür, so schimpfte einer meiner Gegenüber, würden in den Zeitungen und Zeitschriften nur noch Lobergüsse ausgeschüttet – er verstehe gar nicht, warum. Raucher vor dem Krankenhaus, so fuhr er fort, das sei doch kitschig und banal, in Windeseile durchgekaut! Solche Bilder seien Massenware, man könne sie auf Cornflakes-Packungen zum Freirubbeln anbieten oder in Phrasendreschmaschinen werfen. Da musste ich vehement widersprechen. Ich stand auf und brachte mit ganzem Körpereinsatz mein Verteidigungsplädoyer, das die verschiedenen Varianten des Rauchens vor Krankenhauseingängen abwog.

The saddest thing that I’d ever seen were smokers outside the hospital doors“, singt Tom Smith. Wenn es um die Variante der rauchenden Angehörigen geht, die angespannt auf das Ergebnis einer lebenswichtigen Operation warten, dann ja! Gerade durch seine Dezenz gewinnt dieses Bild an Kraft, denn es trägt den Tod in sich, obwohl es sich rein äußerlich kaum von den Rauchern vor Finanzämtern unterscheidet.

Die andere Variante ist die bitter-ironische, der typische Parallelismus: Drinnen werden Leben gerettet, draußen gleich wieder kaputtgeraucht - eventuell gar vom Patienten selbst. Das ist zwar eine einfache Ambivalenz, um nicht zu sagen ein bisschen platt, aber durchaus besingenswert. Denn es stellt einmal wieder das ewige Ringen der Menschen mit sich selbst dar. Frei nach Nietzsche haben wir es hier mit dem Abgrund zu tun, der in dich hinein blickt. Der Kontrollierende wird plötzlich vom zu Kontrollierenden kontrolliert, die Zigarette raucht gewissermaßen den Raucher, der einer Katze ähnelt, die sich im Wollknäuel verfängt. Da verschwimmen die Konturen, und plötzlich ist nichts mehr, wie es sein sollte. Überall in der Welt tun sich Risse auf: Kokain bei Friedman, Epo im Radsport, Schwule in der CSU. Diese ganze Existenz ist unheimlich unübersichtlich und düster, aber zumindest haben wir noch uns, nicht wahr? Now don’t drown in your tears, babe, push your head towards the air.

Nicht nur, weil es ohnehin zur Musik der Editors passt, sondern wohl auch, weil Tom Smith private Erfahrungen aufarbeitet, handelt An End Has A Start vom Tod und von der Hoffnung. Also ganz dem Titel gemäß. Während das eine den Menschen klein macht, über ihn hereinstürzt und ihm oftmals die Orientierung nimmt, baut ihn das andere auf, zeigt ihm, was es heißt, Mensch zu sein. Dass dies nicht ohne Pathos vonstatten geht: Geschenkt. Die Editors sind Freunde der ausholenden Geste. Auf ihrem neuen Album verstärken sie diese nun doppelt, wenn sie nicht nur melodischer klingen als auf The Back Room, sondern oft gar in Coldplaysche Sphären vordringen. Da lässt sich ihnen freilich vorwerfen, dass sie sich, nachdem ihr Debütalbum landläufig im Interpol-Fahrwasser gewähnt wurde, nun eben ein neues Vorbild ausgesucht haben. Wichtiger ist aber, dass ich ihnen grundsätzlich ihren Pathos abnehme, zumindest mehr, als ich ihn Coldplays X&Y abgenommen habe.

In der Tat sind die Melodien von An End Has A Start ergreifend. Darin lässt sich leicht aufgehen, und jede Kritik mag als handelsüblicher Presse-Schmarren abgetan werden. Dennoch: Nach ein paar Hördurchlaufen fragt man sich, warum die Editors ihre weit ausholenden Gesten, die nach Luft und Freiraum drängen, derart baukastenförmig anordnen. Die schnellen und langsamen Lieder wechseln sich artig ab, so dass von beiden fünf gezählt werden. Nur am Ende stehen zwei schnelle Lieder in Folge, damit das allerletzte Stück wieder eine Ballade sein darf. Die Balladen wiederum bestechen durch ihre angesprochene Coldplay-Verschuldung, und nach Strophe und Refrain bringen sie eine Bridge, wie zum Beweis: Wir können noch eingängiger als ohnehin schon! Ein bisschen aufdringlich sind sie da schon.

Aber mal ganz ehrlich: Wie sehr stört uns das? Nur ein bisschen. Zur Sicherheit schlage ich noch einmal in meiner inneren Rezensenten-Fibel nach, und da steht geschrieben: Beim zweiten Album darf man sich das leisten. Bei Album Nummer drei: nicht mehr. Das lasse ich so gelten, denke ich mir und komme mir auch nicht mehr doof vor, weil ich nur das neue Editors-Album bekommen habe, während der Kollege Meyer Interpol besprechen darf.

Henning Baucke

Offizielle Homepage:
http://www.editorsofficial.co.uk/

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