Nirvana - In Utero

Donnerstag, 6. September, 2007 at 4:42 Uhr nachmittags (Old School! 90er, Retrospektive, Rezensionen, Rock)

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Zum Zeitpunkt des Releases, im Jahr 1993, war In Utero ein Schlag ins Gesicht verschiedener Fraktionen: Zum einen war da die Plattenfirma, Geffen Records, die sich aus finanziellen Gründen ein zweites Nevermind gewünscht hätte. Zum anderen gab es jene Nevermind-Verehrer, die ansonsten mit Gitarrenmusik weniger, dafür aber mit Marky Mark & the Funky Bunch umso mehr am Hut hatten. Der Höreindruck anno 2007 bestätigt jedoch eine lang gehegte Vermutung: In Utero war und ist Nirvanas bestes Album.

Jetzt, im Jahr 2007, da Kurt Cobain zum bestverdienenden toten Musiker vor dem großen Elvis wurde, wird noch einmal deutlich, welche musikalischen Säulen, abseits aller Boulevardgeschichten, Cobains Status zementieren. Dort findet sich natürlich Nevermind, Nirvanas wichtigstes Album. Butch Vigs größte Leistung war es, den bereits in der Phase der Selbstzerstörung befindlichen Cobain im Studio aufzupicken und zusammenzuflicken in seiner ganzen zerfahrenen Art. Am Ende stand ein Album, das ein ganzes Genre definierte, das eine Jugendästhetik und einen Sound formte, die bis heute bestehen und in vielen verschiedenen Stilen und Subkulturen zu finden sind. Nevermind war der Marktöffner für den kommerziellen Erfolg vieler Gitarrenbands zu Beginn der 1990er. Die zweite Säule, auf der vor allem Cobains Ruhm beruht, ist Unplugged in New York, kurz bevor Cobain sich erschoss. Pat Smear, später bei Dave Grohls Foo Fighters, musste als zweiter Gitarrist aushelfen, da Cobain einfach zu fertig war, um noch alle Stücke alleine spielen zu können. Da saß er nun, der Kurt Cobain, in seinem schrabbeligen Jäckchen und wirkte schwach und irgendwie abwesend. In diesem Zustand gelang er noch einmal zu neuen Höhen, nicht nur mit seiner Version von The Man Who Sold The World, sondern vor allem aufgrund des letzten Songs, Cobains finales aufbäumen live on tape und vielleicht eine Nachricht an Courtney Love, Where Did You Sleep Last Night. Woher hatte dieser schwächliche Mensch noch solche Energie nehmen können?

Um einmal kurz geschmacklos zu werden: Kurt Cobain hatte genau den richtigen Zeitpunkt gefunden, um mit sich abzuschließen und sich gleichzeitig damit unsterblich zu machen. Um noch einen Tick geschmackloser zu werden: Damit hätte Cobain Marilyn Manson, der seit Mechanical Animals von Album zu Album an Bedeutungslosigkeit gewinnt, einiges voraus. Um Nirvana war es kommerziell mit In Utero ein wenig ruhiger geworden, und dann kam Cobains letzte große Leistung in Form des Unplugged-Albums. Danach war Schluss, final curtain. Wo Cobain zum Kult wurde, wird Manson enden wie Alice Cooper oder Ozzy Osbourne: als leidliche Kopie des eigenen Anspruches, als Karikatur des eigenen Selbst. Man wird immer wieder Fragen bemühen können, wie Nirvana wohl heute klingen würde und ob sich Nirvana abseits von Nevermind im kulturellen Gedächtnis festgesetzt hätte, oder auch ob Cobain alle und jeden narrte. Wer war Kurt Cobain eigentlich wirklich? Alles absurde Diskussionen natürlich. Cobain hat sich erschossen und zementierte damit seinen Status, der in Deutschland vor allem in gebildeteren Kreisen anerkannt wurde, in den USA allerdings in eine andere Kerbe, in die des Losertums schlug. Nevermind war der Millionenseller, Unplugged in New York ein emotionales Manifest.

Doch dazwischen gab es ein Album, dass großartig und konsequent Nevermind in den Boden wütete und den Grundstein für die Unplugged-Sessions legte, aber fälschlicherweise in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle mehr spielt: In Utero, eine brutale Platte, die in einigen Augenblicken an den kommerziell übergroßen Vorgänger erinnert: Heart-Shaped Box, Dumb und Pennyroyal Tea gehören zu den Stücken, die als gewöhnliche Songs auf In Utero zu gelten haben. Den Ton geben aber vor allem die Tracks an, die sich vom Vorgänger emanzipieren. Der Opener Serve the Servants beginnt mit dem wunderbar entwaffnenden Satz „Teenage angst has paid off well, but now I’m bored and old“, Scentless Apprentice rumpelt aggressiv, ein zunächst ungefährlich wirkender Song wie Frances Farmer Will Have Her Revenge on Seattle droht sich plötzlich in manchen Momenten selbst zu zerlegen. Höhepunkt der gewaltsamen Absage an den eigenen Popstar-Status ist der Song Tourette’s. Cobain grunzt, faucht und wütet unverständlich, Dave Grohl und Krist Novoselic trommeln und spielen sich dazu den Teufel aus dem Leib.

In Utero, produziert von Steve Albin (u.a. Pixies’ Surfer Rosa), war die grandiose Antwort auf den kommerziellen Erfolg vom polierten Nevermind und knüpfte an das raue Debüt Bleach an. Um nicht missverstanden zu werden: Nevermind ist ein großes Werk und, wie erwähnt, ein wichtiges Album für die gesamte Musikgeschichte. Wer allerdings Nirvanas bestes Album hören will, der muss zu In Utero greifen. Nie war Nirvana eindeutiger, aber ungreifbar; sarkastischer, aber dabei in Ästhetik und Design brutaler, im Songwriting dennoch ebenso versiert und punktgenau wie auf dem Vorgänger; nie überlegter und reflektierter, gleichzeitig aggressiver und wütender.

Für Nevermind muss man ihnen danken, für den kreativen Höhepunkt In Utero sollte man sie verehren.

Kai Wehmeier

Offizielle Homepage:
www.nirvana.de

 

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