K.I.Z. – Hahnenkampf

Sonntag, 23. September, 2007 at 7:46 (Hip Hop, Rezensionen)

Vielleicht tobt ein heimlicher Wettkampf zwischen deutschem Hip Hop und der Fußball-Bundesliga um die zweifelhafte Auszeichnung, letzte Bastion der Homophobie zu sein. Wenn dem so ist, dann hat die Hip-Hop-Szene soeben durch einige Tunichtgute Federn lassen. K.I.Z. sind die schwarzen Schafe, die sich äußerlich als waschechte Berliner Hip Hop Crew geben, aber hintenrum Zungenküsse zwischen Männern filmen. Zu sehen ist dies im Video zur aktuellen Single Geld essen.

Nicht nur das; auch versteckt sich an hinterer Stelle ihres Songs Herbstzeitblätter die ZeileH: „Es wird Zeit, sich die Hände zu reichen und sich auch unter Männern an die Schwänze zu greifen“. Oha. Da rümpft mancher Aggro-Fan die Nase. Das zugehörige Stück ist recht dada – das sei zur Klarstellung gesagt. Nichtsdestotrotz haben K.I.Z. hiermit einen kleinen Beitrag zur kulturellen Evolution geleistet, der im Fußballgeschäft erst einmal aufgeholt werden will. Eins zu null.

Von diesen beiden Schlenkern abgesehen, geben sich Tarek, Maxim und Nico redliche Mühe, der Menschheit glaubhaft zu machen, dass sie die heterosexuellsten Menschen auf dem ganzen verdammten Erdball sind. Ihre wie zum Beweis ausgiebig umschriebenen Geschlechtsteile können selbst von den schweinischsten Animés nicht nachgezeichnet werden. Wer meint, in seiner schmutzigen Fantasie schon die wirrsten Sexualpraktiken und den ominösesten, nun ja, Gliedkult zu fabrizieren, kann ja mal bei K.I.Z. reinhören und sich dann denken: „Iiih, das geht auch noch?“. Ja, das geht alles. Zumindest ist es aussprechbar.

K.I.Z. sind Exemplare der vieldiskutierten Spezies „Pornorapper“. Wie wir in Talkshows und Stern-Artikeln erfahren durften, sind heutzutage – mal etwas überspitzt formuliert – Gangbangs an der Tagesordnung, wo eben noch Handy-Klingeltöne ausgetauscht wurden. Es besteht also die Gefahr, dass einmal wieder die Gesellschaft in’n Arsch geht. Wenn dies geschieht, dürften K.I.Z. ganz vorne auf der Liste der Schuldigen zu suchen sein. Natürlich nur, wenn sie falsch verstanden werden.

Zugegeben, ein bisschen trieb es mir die Schamesröte ins Gesicht, als ich in meinem heimischen Plattenladen nach ihrem neuen Werk Hahnenkampf fragte. Nach den regelmäßigen Ausgleitungen von Sido und Bushido, die mich nicht nur im Fernsehen verfolgten, sondern auch – vermittelt durch unzählige Amateur-Rapper – in Straßenbahnen zu jeder Tages- und Nachtzeit, wollte ich mit diesem ganzen Berliner Schmu nichts zu tun haben. K.I.Z. aber bringen die ganze große Szene durcheinander, ziehen über alles und jeden her und sind doch feinfühlig genug, keine Namen zu nennen. Klischees bedienen sie eben so sehr, wie sie diese aufwirbeln. Genau deswegen sind sie sowohl innerhalb als auch außerhalb ihres Hip-Hop-Spektrums beliebt. Weil sie auf die Kulisse, in der sie sich selbst befinden, herabspucken und dann über den rotzenden Arsch von da oben herziehen können.

Von führenden Kriegsverbrechern empfohlen“ lautet das Attribut, mit dem sich die Gruppe auszeichnet. Ihr eigenes Tun gleich zu Beginn als „menschenverachtende Untergrundmusik“ zu titulieren, spricht für ein gutes Stück Distanz und erklärt die wahrhaft rabiaten Formen, die das Ganze in seinem Verlauf annimmt. Von da an erwartet uns ein gewaltiges Manifest an verbalen Nötigungen, die sich letztendlich wie durch Zauberhand immer wieder auf Arschgrabschereien und Penisvergleiche reduzieren lassen. In diesem Metier legen die Jungs eine aufstoßende Kreativität an den Tag. Einige der unverhohlensten Beispiele: „K.I.Z. Crew / Keine Schwänze, sondern Baumstämme / keine Säcke, sondern Staudämme“ oder „Name: Nico; Sexspielzeug: Rasenmäher / Ich wechsel das Kondom, gib mir mal den Wagenheber.

Man könnte noch stundenlang weiter schwärmen über die fantasievollen Unter-der-Gürtellinie-Vergleiche, die hier am Fließband entstehen. Gold wert sind allein schon ihre Bereicherungen unseres Wortschatzes zu Deiner Mutter, Deiner Frau und, jetzt ganz neu: Deiner Oma! Die meisten Beschimpfungen muss wie immer der Hörer einstecken. Ob der ausgefuchsten wie hochgradig derben Einfälle auf Hahnenkampf werde ich in dieser Beziehung gerne zum Masochisten. Dann bin ich eben der Magic-Karten-spielende, Schuhe-mit-Klettverschluss-tragende Knirps, der mit 20 noch abgetrieben werden sollte und dessen Vorfahren in Käfigen lebten. Diese ganze Disserei lasse ich mir gerne gefallen, weil ich dann auch mitbekomme, wie etwa im Stück Klassenfahrt das Aufeinandertreffen von Berliner Gören und dörflicher Umlandbevölkerung mit dem historischen Eindrängen europäischer Siedler in ur-amerikanisches Stammesgebiet verglichen wird („Diese Wilden wünschen, sie wären Berliner / kaufen Glasperlen und sterben an Fieber“). Und sowieso, die meisten Texte lässt man sich vollkommen kontextfrei auf der Zunge zergehen: „Meine Lehrer haben gesagt, ich wär ein fauler Spast / doch heute schreien die Nutten JA! wie im Sportpalast“. Für diesen Zweizeiler gebührt ihnen schon einmal der Eva-Herman-Preis zur deutschen Vergangenheitsaufarbeitung.

Zum Schluss noch ein halbherziges Statement zum musikalischen Drumherum, das bei solch kaltschnäuzig grotesken Lyrics Nebensache ist: Vor allem bei Tarek und Maxim lässt sich der in Berlin übliche hohe, akzentuierte Kool-Savas-Flow ausmachen. Immerhin können alle drei Sprachrohre ganz ordentlich und variantenreich rappen – eine Voraussetzung, die im Berliner Hip Hop längst nicht üblich ist. Die Beats beschreiben die entsprechend solide Kinderzimmer-Elektronik, überspringen aber gerne auch die Grenze zu anderen Party-Genres. Vor Gesang hat man keine Angst, es wird gar ein Animals-Song gecovert (na welcher wohl?). Einmal bewegt man sich gefährlich nah an der Schlagergrenze. Was auch wiederum okay ist, wenn es im Refrain heißt: „Alles scheiße, alles Dreck / Große Bombe, alles weg!“ Da horcht dann selbst das Innenministerium auf.

Ist also für jeden etwas dabei.

Henning Baucke

Offizielle Homepage:
http://www.k-i-z.com

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