Serj Tankian - Elect The Dead

Als feststand, dass Serj Tankians erstes Soloalbum sich nicht allzu sehr aus dem Fahrwasser seiner Stammband lösen würde, wurde auch klar, dass der ganz große Schlag eher von seinem Songwriting-Partner Daron Malakian zu erwarten sei. Aber so oder so ist es eine schwierige Situation: Malakian, der für die wilde Extravaganz und somit für die eigentliche Originalität in den Stücken von System Of A Down verantwortlich zeichnet, wird in diesem Jahr mit Scars On Broadway sicherlich ein beeindruckendes Werk abliefern. Eine Stimme wie die von Serj Tankian lässt sich jedoch nicht so einfach ersetzen. Auf der anderen Seite hat Tankian mit Elect The Dead ein ordentliches Rockalbum vorgelegt, das den Trauerkontext gleich mitliefert: Mezmerize und Toxicity waren einfach zu schön um wahr zu sein.
Viel muss zu diesem Album nicht geschrieben werden, da es ein typisches System-Of-A-Down-Werk ist, nur eben in jeder Beziehung minus Eins: Weniger Rabiates, weniger Wahnwitz, weniger kompositorische Verschachtelung. Fans werden es längst besitzen und insofern damit zufrieden sein, als ihre Erwartungen nicht überhöht waren. Solo kommt eben nicht so viel rum, doch es reicht für Gutklassigkeit, und das reicht wiederum, um die Rechnungen zu bezahlen. Damit dürfte jeder in der Lage sein, seine Kaufentscheidung zu fällen. Das lässt uns ein bisschen Raum, einen Blick auf die Lyrik zu werfen.
Elect The Dead ist ein Album über Krieg und Unterdrückung, ganz allgemein: über missratene Außenpolitik. Elect The Dead, dieser Albumtitel zeigt die Grenzen amerikanischer Befreiungsgebaren auf. Tote lassen sich nämlich schwer wählen. Wenn man eine Bevölkerung im Krieg dezimiert, ist es mit deren passivem Wahlrecht weit her. Rein begrifflich lässt sich eine Demokratie gar nicht leicht mit Gewalt durchsetzen; da hat es die gute, alte Tyrannei leichter.
So jedes zweite Lied (und mit gutem Willen einige mehr) von Elect The Dead bezieht sich auf den Irakkrieg. Natürlich ist dieser Bezug ein wertender. Mal ganz unpoetisch und offensichtlich, etwa wenn es in The Unthinking Majority heißt: „I believe that you’re wrong / Insinuating they hold the bomb / Clearing The Way for the oil brigade”. Mal liegt die sarkastische Botschaft gleich im Titel: Praise The Lord And Pass The Ammunition ist übrigens einem Lied entnommen, das zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs geschrieben wurde – damals noch wirklich pro Krieg und kontra Deutschland. Mal ist die Botschaft auch verwoben und vielleicht nur in meinem Kopf, wenn Lie Lie Lie, einer der stärkeren Songs, von einer verlogenen Beziehung erzählt, die damit endet, dass der Erzähler seine Geliebte in den Tod schickt. Dies verharmlost Tankian – ganz Zyniker – zu einer lustigen kleinen Episode: „Broke her little bones on the boulders below, and when she fell, I smiled“. Eine schöne Abwechslung ist dies, denn über weite Strecken wirkt Serj Tankians Album arg dramatisch - ein Nebeneffekt seiner opernhaften Stimme, der durch Pianoeinsätze verstärkt wird. Das collagenartige Video zu Lie Lie Lie ist ebenfalls ein Höhepunkt unter den zwölf Videos (tatsächlich: Jeder Song hat eines bekommen).
Und dann ist da noch Empty Walls, der erste Song des Albums, die erste Single, und in den ersten Zeilen gibt er sein umfassendes Statement ab: „Pretentious attention, dismissive apprehension“. Diese vier Wörter hätten eigentlich schon gereicht. Die empty walls sind die Wände zwischen der Bevölkerung und der Front, die Blackbox der Medien, die keine Särge zeigen dürfen. „Don’t you see their bodies burning / desolate and full of yearning / dying of anticipation / choking from intoxication”. Stakkatohaft wirft er diese Worte in den Raum, und wer will, darf mitsingen. Auch hier ist das Video ein Geniestreich: Im Kindergarten wird der Irakkrieg nachgespielt. Reizüberflutung mit Murmeln und Kletternetzen, herrlich ungefährlich und voller Bosheit. Wir sehen, was wir sehen wollen, und nicht mehr.
Gerüchten zufolge soll Serj Tankians nächstes Werk jazziger und orchestraler werden. Das hört sich nicht unbedingt nach Trümmerfrauenmusik an.
||||| Henning Baucke |||||
Offizielle Homepage (mit sämtlichen Videos)
Video zu Empty Walls:
Video zu Lie Lie Lie: