R.E.M. - Accelerate

It´s the end of the world as we know it. Dieser Satz galt seit über einer Dekade für die College-Rock Dinosaurier von R.E.M. Schlagzeuger Paul Berry verließ die Band und die Band trauerte. Mit Hilfe von therapheutischem Plattenschmerz wie Up, knallbunten Bonbons mit viel zu viel Glitzerpapier (Reveal) und Liedsammlungen für die Endlosschleife der Hotellobby (Around the Sun). Irgendwo dazwischen: John Kerry verlor und die Band trauerte wieder.
Am Ende stirbt man in Amerika durch Hurricanes oder die Regierung. Keine Dystopie, sondern vereinfachte Gewissheit. Wenn man also das Ende nicht bestimmen kann, muss man es mit dem Rest versuchen. Aufwachen. Flucht nach vorne. Beschleunigen. Zur Not direkt vor die Wand. Was R.E.M. als politische Handlungsoption verstehen, ist gleichzeitig Blaupause für Accelerate, für Wut und Verzweiflung.
Die Zündschnur besteht nur aus ein paar Akkorden und dann explodiert Living Well is the Best Revenge in einer Kaskade aus Verstärkern, Mills und Buck legen die großen Melodien erst einmal zugunsten des Tempos weg um sie in Hollow Man at my most beautiful zusammenzuführen. Das Piano bereitet in dem Song den Weg für eine Ballade, endet aber in einer Verfolgungsjagd. Wenig später ist man abermals unvorbereitet, diesmal in einer dröhnenden Fabrik, in der ein Arbeiter sein Klagelied krächzt.
Spätestens hier, bei den glitzernden Mandolinen von Houston, sind alle verfrühten Nachrufe in die Tonne getreten und das freudige Fieber der Vergangenheit verbindet sich mit der Gegenwart: Green, Monster, Automatic for the People, sie alle finden sich in Accelerate wieder. Während die Instrumentierung durchgängig hervorschnellt, überrascht der Sänger.
Stipes Stimme hat auf Accelerate ein alter Ego mit viel Patina, das bitterschwarze Zeilen spuckt um nach dem erneuten Wechsel Hoffnung zu spenden. Until the Day is Done und Horse to the Water sind allerfeinste Stoßgebete, Repeat bitte. Doofes gibt’s zum Glück auch, Mr. Richards verzettelt sich in drei Minuten Durchschnitt und I´m Gonna DJ ist mehr als peinlich. Die Flucht in die Bedeutung gelingt R.E.M. trotzdem allemal und lässt ein Neonschild mit marmeladenroten Lettern über dem Kopf des Zuhörers flackern: And I feel fine.
||||| Philipp Heubgen |||||
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