Kettcar - Sylt

Zehn Jahre ist es nun schon her, da veröffentlichte der Soziologe Richard Sennett ein Standardwerk zur modernen Arbeitswelt, “Der flexible Mensch”. Die Kernaussage lautete, dass der Mensch in dieser modernen Arbeitswelt grundlegend überfordert sei und die privaten Probleme und das Herausreißen aus sozialen Gefügen ebenso zum Scheitern beitrügen. Sennetts Vokabular bestand vor allem aus den Worten Flexibilität, Teamfähigkeit, Anpassungsfähigkeit und Identitätsverlust. Willkommen auf Sylt.
Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff scheinen sich in den rund drei Jahren seit dem mediokren Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen ausgiebig mit Richard Sennett und seinen Weissagungen beschäftigt zu haben. Warum auch nicht? Man muss kein Intellektueller sein, um festzustellen, dass Sennetts Analyse zu großen Teilen mittlerweile Realität geworden ist. Kettcar packen die ganze Misere wie immer in handliche Drei-Minuten-Popsongs, klingen bei der Vertonung des modernen Menschen auf Sylt allerdings deutlich verbitterter, kratziger und weitaus niedergeschlagener als bisher. Du und wieviel von deinen Freunden war die hedonistische Nabelschau nach einer durchzechten Nacht, euphorisch, melancholisch, mitreißend. Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen drehte die Uhr um zehn Jahre nach vorn, berichtete von Besuchen bei IKEA und den Schwiegereltern. Sylt setzt dort an, die Beziehung ist in die Brüche gegangen, man dreht sich beruflich und privat im Kreis.
“Wir sind heiß und hungrig und hochmotiviert, flexibel, spontan und qualifiziert, wir sind teamfähig, unabhängig und belastbar, uns ist heute egal, wo gestern noch Hass war” singt Wiebusch lakonisch in Geringfügig, Befristet, Raus. Der Selbstzweifel und die Anforderungen des Lebens nagen am Selbstverständnis, das ewige Jungsein (Graceland) in einer Welt, in der mittlerweile Opas skaten und Omas Tattoos tragen (Kein aussen mehr) ist das oberste Ziel, die jugendliche Abgrenzung in einem Zustand des allgegenwärtigen Konsens ist nicht mehr möglich. Das Leben im Hamsterrad ist ein Nullsummenspiel, die Arbeit steht an erster Stelle. Allerdings nur solange, bis einen das, was das Leben tatsächlich ausmacht - Liebe, Beziehungen, Freunde, Alkohol - wieder einholt und man feststellt, dass man die Prioritäten vollkommen falsch gesetzt hat. Wenn einem plötzlich bewusst wird, dass man die Menschen, die man liebt, vernachlässigt hat “weil man einfach gegangen ist, als würde man ewig noch kommen und gehen und sich sehen” (Verraten).
Wenn man feststellt, dass frühere Freundschaften nicht einfach so mit einem Glas Bier wieder aufzufrischen sind, trotzdem alle dasselbe Schicksal teilen, die Kapitulation vor dem modernen Leben: “Ein Toast auf das Leben, seine Lügen und wie wir uns zeitlebens abmühen für nichts und gar nichts” stimmen Marcus Wiebusch und Gaststar Niels Frevert in Am Tisch, einem Klos-im-Hals-Song, zugleich ein.
Am Ende steht, dass ein Ausklinken aus dem Rattenrennen heutzutage nicht mehr möglich ist und, dass Kettcar auf Sylt ein ziemlich düsteres Bild der Gegenwart zeichnen. Aber doch, ein Lösung wird angeboten. Eine Lösung, die ganz tief auf die Punkwurzeln der Band zurückgreift: “Sag zum Abschied leise: Fick Dich!”. Mit gereckter Faust in den Abgrund. Kettcar, wir brauchen euch.
||||| Kai Wehmeier |||||
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Video zu “Graceland”