Lady Bitch Ray wird berühmt.

Sonntag, 4. Mai, 2008 at 7:29 Uhr nachmittags (Hip Hop, Wort) (, )

Das Schönste an Ruhm ist seine Übertragbarkeit. Man muss gar keinen langen Werdegang durchlaufen, um von ihm kosten zu können. Denn Ruhm pflanzt sich über Bekanntschaften fort. Es reicht schon vollkommen, jemanden zu kennen, der jemanden kennt, um sich selbst auch ein bisschen gekannt vorzukommen. Wenn ich jemanden kenne, der Weltrekorde schwimmt, dann fühle ich mich durch ihn ein bisschen berühmt und vielleicht auch ein bisschen athletisch.
Aber Bekanntschaften wollen gepflegt werden, um ihre Exklusivität zu sichern. Deswegen ist es auch gemein, die aufdringlichen Fans und Reporter, die sich jedem Star ans Bein heften, pauschal als Schmeißfliegen abzutun. Ihre Nähe zu den Celebrities haben sie sich hart erarbeitet. Der Wettbewerb unter Groupies ist groß, und diejenigen, die genügend Selbstaufgabe mitbringen, um sich zu ihrem Idol durchzuarbeiten, haben sich diese Nähe dann ja wohl auch verdient.
Ähnlich funktioniert Mundpropaganda, nur dass es hier nicht um direkte Bekanntschaften geht, sondern um das „Kennen“ als solches, zu dem sich auch das „Gehört-haben-von“ zählt, als auch das „Kennen-und-cool-finden-bevor-andere-es-kennen“ und das „Scheiße-finden-bevor-andere-es-cool-finden“. Dies sind Skills, in die man eine gehörige Portion Arbeit stecken muss, und wenn man dies auf so einer sophisticated Ebene perfektionieren will, wird man eben Journalist und bekommt Geld dafür.
Dieses gut geschmierte System, das die Öffentlichkeit beherrscht, sorgt dafür, dass diejenigen Aktivposten unter uns, die Berühmtheit aus erster Hand erfahren wollen, nur einen wesentlichen Kunstgriff brauchen, um ihr Ergebnis zu erzielen: Sie müssen den Stein ins Rollen bringen. Der Rest regelt sich von allein. Tatsächlich ist es ja so, dass sich Ruhm noch weiter vermehrt, wenn sich andere einen Teil davon abzwacken. Denn wann immer sich ein windiger Freelancer selbst emporhebt, weil er einen neuen Trend entdeckt hat, profitiert natürlich in erster Linie der Trend.

Das Zweitschönste an Ruhm ist seine Berechenbarkeit. Das bisschen, was die zahlreichen Casting-Shows im Fernsehen zur Kulturnation beitragen, ist doch die Botschaft, dass künstlerischer Erfolg nur eine Endvariable im Modell ist. Das Interessante an einer Sendung wie „Deutschland sucht den Superstar“ ist doch dessen Grundkonzeption, die besagt, dass es eben nicht darum geht, einen Star zu formen und dann mal zu schauen, wie viel Erfolg er hat, sondern darum, den glücklichen Gewinner auszuwählen, der dann den vorgebuchten Erfolg einheimsen kann. Das ist das moderne Gesicht des amerikanischen Traums, der in diesem Fall nur noch dadurch gestört wird, dass zwischen den Aspiranten und seinen Erfolg eine willkürliche Jury geschaltet ist.

Aber auch diese Barriere lässt sich beseitigen, wie die sich derzeit in die Nation hinein rappende Lady Bitch Ray zeigt. Wer bis jetzt davon ausgegangen ist, dass in unserer unübersichtlichen Postmoderne lang herbeigesehnter Erfolg reine Glückssache sei, der war einfach nicht aggressiv genug hinter ihm her. Kein Zufallselement ist in der Karriere von Lady Bitch Ray anzufinden; jedes Stück medialer Aufmerksamkeit ist nur eine Komponente des Windstoßes, den sie entfacht. Der Trick, mit dem sie sich an all den anderen Ruhmsuchenden vorbei manövriert hat, um unmittelbare Aufmerksamkeit zu bekommen, ist übrigens ein ganz einfacher – man kann ihn in die Formel übersetzen: Noch mehr Schimpfwörter pro Sekunde. Mensch, ihr Nachwuchsrapper, darauf hättet ihr schon kommen können! Diese Formel wird dann zugunsten von Authentizität mit einigen inhaltlichen Ornamenten bestückt, von denen das auffälligste ihre Doktorarbeit ist, an der sie bekanntermaßen gerade schreibt. Denn Doktorarbeiten-schreiben, das ist ja wie rappen, beteuert sie gerne, weil beides derbe Konzentration erfordert.

Außerdem setzt sie sich für die Rolle der türkischen Frau in der Gesellschaft ein.

Ich glaube ja fest daran, dass es nichts Hinterhältigeres und Gemeineres für einen Rapper gibt, als ihn einer möglichst angemessenen Abhandlung zu unterziehen, seine Qualitäten abzuwägen und schließlich zu einem negativen Urteil zu gelangen. Mich würde dies zumindest tierisch aufregen, weil ja dann die ganze Abhandlung für die Katz ist, wenn man im Endeffekt doch nur gedisst wird. Und da ich mir Ruhm erhoffe, indem ich Lady Ray disse, werde ich jetzt ganz mies Lady Ray dissen, indem ich zuerst erkläre, warum ich sie eigentlich doch ganz cool finde.

Cool an Lady Ray sind nämlich Lady Rays Lieder. Das sind Manifeste aus Fäkalbombast, der die deutsche Sprache nicht nur um einige Schimpfwörter bereichert, sondern den Hörer auch anreizt, ein ganz witziges Spiel mit seinem Hirn zu treiben. Bei mir ist es jedenfalls so, dass schon seltsame Sachen in mir vorgehen, wenn jede, aber wirklich jede Assoziation des Songtextes pornös ist. Man kann dies spielerisch konstruktiv angehen, indem man sich vorstellt, dass in den nächsten zwei Zeilen vielleicht mal nicht über Schwänze und Vaginas gerappt wird, sondern z.B. über Politik oder über nicht-sexuelle Gewalt wie z.B. Drive-By-Shootings. Das sind schöne Themen, die Hip Hop referieren kann, aber Lady Ray schränkt sich ausschließlich auf Fotzen, Nippel und Pimmel ein. (Und natürlich zähle ich diese superernsten Geschichtsepen, in denen sie über ihre harte Vergangenheit rappt, nicht dazu, weil diese ohnehin nur geschrieben werden, damit die Nonstrukturalisten ein bisschen was Biografisches haben.) Diese Beharrlichkeit jedenfalls, mit der sie ihrer Scham-Affinität freien Lauf lässt, ist konsequent albern, was mir dadurch noch sympathischer wird, dass sie Nase auf Nase reimt und Scheiße und Möse.

Außerdem soll sie privat eine ganz Nette sein.

Und natürlich ist es auch ganz richtig, sie als gesunden Gegenpol zu den männlichen Pornorappern zu installieren, die in Artikeln und Talkshows so aufwühlend diskutiert werden. Schlechter Konsum lässt sich nämlich mit Gegenkonsum bekämpfen, anstatt mit staatlichen Mitteln. Da ist eine Lady Bitch genau an der richtigen Stelle, wenn sie mal wieder mit ihrer Doktorarbeit angibt, was eigentlich gehörig auf den Zeiger geht, aber Menschen mit Namen wie King Orgasmus One ruhig mal entgegengehalten werden darf. Ansonsten bin ich natürlich vollkommen gegen vorschnelle Schlüsse von Doktorarbeiten auf den Intellekt ihrer Verfasser. Es gibt schließlich auch Professoren, die sich von Johannes B. Kerner einladen lassen.

Wie so viele Künstler spielt Lady Bitch Ray gerne mit dem Yin und Yang herum, mit Guter Künstler und Böser Künstler. So, wie es nicht nur Marshall Mathers, sondern auch Slim Shady gibt. Oder so, wie Sido entweder Maske oder Brille trägt. In diesem Fall ist die böse Bitch diejenige, die Dinge und Wörter in den Mund nimmt, von denen wir gar nicht zu sprechen wagen, während die liebe Bitch gebildet ist und Wörter wie „Semiotik“ sagt. Dazwischen liegen ihre Zehn Gebote des Vagina Styles, so etwas wie ein Emanzipationsprogramm für Fortgeschrittene, die sich den durchaus positiv konnotierten Titel „Bitch“ versprechen. Denn eine Bitch nimmt sich, was sie braucht. Wir Männer hatten unsere Aufklärung ja zuletzt im Film „Harte Jungs“, in dem ein Teenager mit seinem Penis spricht. Der Unterschied ist, dass bei Lady Ray das Geschlechtsteil noch öfter siegt.

Viel mehr als ein Doktortitel könnte ihr eine gewisse Coolness in ihrem Medienspiel gut tun. Die meisten von uns Erwachsenen sind froh, dass sie diese pubertären Schulhof-Wortspiele los sind, bei denen man sich auf dem Boden kringelt, weil jemand meinetwegen „Lippenstift“ gesagt hat, oder weil er irgendwohin gekommen ist. Wahnsinnig komisch. Jetzt dürfen wir uns das alles noch einmal von ihr oder Oliver Pocher anhören. Gerne schreit sie an vollkommen beliebigen Stellen „Hure!“ durch den Raum, so, wie andere Leute atmen. Vielleicht ein geeigneter Kompromissvorschlag meinerseits: „Hure“ ist ein Klassewort, aber bitte nur im Rapkontext, wenn es sich zum Beispiel auf Fuhre reimt, oder auf de jure.

Diese Spitzfindigkeiten sind natürlich vollkommen egal, wenn es um öffentliche Aufmerksamkeit geht. In Anbetracht all dessen glaubt natürlich kein Mensch den Beteuerungen der Bitch, dass es ihr zu null Prozent um Provokation und zu hundert Prozent um die aufklärerische Botschaft geht. In Interviews betont sie gerne, dass noch einiges getan werden muss in Deutschland. Und sie soll es angehen. Ja, das sind so die Stigmata, die auch an Superhelden haften: Nicht anders können. Menschheit retten müssen. Mit fiesen Rap-Attacken gegen die Unterwelt. Viele schauen zu und fühlen sich auf einmal ganz alt.

||||| Henning Baucke |||||

Lady Bitch Ray@MySpace

2 Kommentare

  1. kaliber146 sagte,

    Mittwoch, 28. Mai, 2008 um 2:23 Uhr nachmittags

    ich kann immer noch nicht glauben dass die es so weit geschafft hat.

  2. willi sagte,

    Freitag, 13. Juni, 2008 um 11:14 Uhr vormittags

    wo hast du nur die ersten 3 absätze her? die sind gut, aber der rest, naja, ziemlich nachgelassen.

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