Musikalische Aufklärung (I): Visual Kei

Samstag, 14. Juni, 2008 at 9:53 (Wort) (, , , , )


Sei es im Zusammenhang mit Mangas, Cosplay oder Tokyo Hotel, immer öfter geistert der Begriff „Visual Kei“ ohne näher erklärt zu werden durch die deutsche Medienlandschaft. Doch Mixtape setzt der Verwirrung ein Ende und startet einen umfassenden Erklärungsversuch:

Eine Definition des Visual Kei ist an sich problematisch, da es sich bei der Bewegung um ein sehr komplexes und vor allen Dingen heterogenes Gebilde handelt, so dass es bei einem Definitionsversuch bleiben muss. Der Begriff Visual Kei selbst setzt sich zusammen aus dem englischen Wort „visual“ (visuell, optisch, bildlich, sichtbar) und dem Kanji Zeichen „Kei“, was in etwa so viel wie Clique, Herkunft, Stil, oder Gruppierung bedeutet, wobei eine genaue Übersetzung ins Deutsche nicht möglich ist.

Unter dem Begriff Visual Kei versteht man demzufolge in erster Linie optisch auffällige Musiker aus einer Vielzahl verschiedener Musikrichtungen und deren nachahmende Fans. Westliche Fans, die dem Stil der Visual Kei Musiker nacheifern, nennen sich Visuals oder auch Visus. Ein musikalischer Hintergrund ist für diese Begriffsbezeichnung nicht zwingend. Die den musikalischen Hintergrund ausblende Mode wir in Japan „Dekora“ genannt, was in etwa mit „dekorativ“ übersetzt werden kann.

Als Abkürzung für Visual Kei wird gängigerweise VK verwendet.

In Deutschland gibt es eine besondere Diskussion zum Thema Visual Kei, die sich damit beschäftigt, ob man den Begriff allein für japanische Bands reservieren sollte und nicht-japanische Visual Kei Bands lieber als „Visual Rock“ bezeichnen sollte.

Musik
Wie schon erwähnt gibt es in der Visual Kei Szene keine vorherrschende Musikrichtung und somit müssen sich die Musiker keinerlei Dogmen oder Grenzen unterwerfen. Sie genießen dadurch eine künstlerische Freiheit und Ungebundenheit, die in anderen musikalischen Genres und Bewegungen nicht selbstverständlich ist.

Bedingt durch diese enorme Freiheit zeichnet sich Visual Kei als extrem wandlungsfähiges Genre aus, in dem die Bands tatsächlich ihren Stil so oft wechseln, wie ihre Kleidung, oder zumindest die Möglichkeit dazu besitzen. Oft entstehen dadurch auch neue Stile, auf die wir später noch zu sprechen kommen werden.

Unter den verschiedenen Musikstilen, an denen sich Visual Kei Musiker bedienen findet man vornehmlich Rock, Punk, Pop, Wave, Alternative, Metal und Gothic, wobei auch öfter musikalische und stilistische Elemente anderer Subgenres, wie z.B. Glamrock, Batcave, Cyberpunk oder New Romantic, die vor allem eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Visual Kei gespielt haben, zu finden sind.

Eine weitere Besonderheit des Visual Kei ist die Tatsache, dass einzig dem Leadsänger der jeweiligen Band das Privileg zukommt die Liedtexte zu verfassen. Allein diese Tatsache ist ein Garant für Individualität und Authentizität der verschiedenen Bands und steht in starkem Kontrast zu westlicher Populärmusik, die vor allem in der Produktion der Songtexte mittlerweile sehr stark von Ghostwritern geprägt ist.

Zudem gibt es beim Schreiben der Texte noch andere sehr strenge Vorgaben, an die sich der Sänger zu halten hat, was in überraschendem Kontrast zu der übrigen künstlerischen Ungebundenheit des Visual Kei steht. So dürfen sich z.B. die Liedtexte im Visual Kei nicht Reimen. Dies ist ein Gestaltungselement, das so aus der traditionellen japanischen Lyrik übernommen wurde. Im Haiku, einer traditionellen japanischen Lyrikform, kamen keine Reime vor, dafür wurde mehr Wert auf Alliterationen, Assonanzen, den Sprechrhythmus und die Silbenzahl gelegt. Die elaborierte Silbenzahl und der daraus erfolgende Sprechrhythmus boten dann einen ähnlich hohen Erinnerungswert, wie die in unserer Lyrik typischen Reime.
Mann kann also davon sprechen, dass es im japanischen Lyrikverständnis keinen „Reimsinn“ als solchen gibt bzw. gab, jedenfalls nicht vergleichbar mit der Art, wie er in der westlichen Lyrik auftritt und vorherrscht.
Eine weitere zu beachtende Vorgabe ist die, dass außer dem Japanischen keine andere Fremdsprache in den Songtexten auftauchen soll, was wiederum für sehr hohe Authentizität des musikalischen Outputs sorgt.
Inwieweit diese stilistische Vorgabe aber als verbindlich angesehen wird ist fraglich wenn man scheinbar willkürlich aus Fremdwörtern zusammengesetzte Bandnamen wie Malice Mizer, Luna Sea oder Dir En Grey betrachtet. Auch in den eigentlichen Texten findet man häufig Fremdwörter, aber komplett auf Englisch oder anderen Sprachen verfasste Texte wird man dennoch äußerst selten finden.

Rein inhaltlich gibt es für die Texte keine textuellen oder traditionellen Schwerpunkte, sie sind aber oft von einer hohen Emotionalität geprägt. Einzig politische und spirituelle Thematiken werden von den Visual Kei Bands nicht verwendet, was im Widerspruch zu oft geäußerten Vorurteilen der Visual Kei Szene gegenüber steht, deren Mitglieder oft als Satanisten bezeichnet werden. Wegen des bereits genannten breiten Spektrums musikalischer Stile und der hohen künstlerischen Freiheit, die dieses Genre bietet, stellt sich die Frage, ob man Visual Kei nun als Subgenre des J-Rock einordnen soll oder kann, wie es vor allem Musikexperten außerhalb der Szene oft tun, oder lieber als eine Art „Bastard-Genre“ für sich selbst stehen lassen sollte.

Ästhetik
Da ja, wie erklärt, nicht wie in vielen anderen Szenen die Musik der Bewegung ihren Rahmen liefert und wir Visual Kei bereits mit „optisch auffällige Musiker aus einer Vielzahl verschiedener Musikrichtungen“ zu definieren versucht haben, liegt es nahe dieses ästhetische Element genauer zu betrachten.

Interessant bei der Ästhetik der Visual Kei Szene ist, dass, obwohl sie DAS kennzeichnendsten Elemente der Bewegung darstellt, sie genau wie auch die Musikalität der Bewegung in sich nicht homogen ist, sondern sich vor allem mit der zweiten Generation von Visual Kei Bands in eine Vielzahl verschiedener Spielarten aufgefächert hat.

Die Szene ist geprägt von einem ausgesprochen hohen Selbstdarstellungsbedürfnis und daraus resultiert auch die Tatsache, dass Individualität im Visual Kei als ein absolutes Muss gilt und der modischen Auslebung dieser Individualitätsbedürfnisse keine Grenzen gesetzt werden. Besonders auffällig bei den fast ausschließlich männlich besetzten Visual Kei Bands ist, dass die Bandmitglieder für das ungeübte Auge vor allem westlicher Fans kaum als Männer zu identifizieren sind. Von vielen Visual Kei Musikern wird ein extrem androgyner Stil gepflegt, der hauptsächlich auf typisch japanische Schönheitsideale begründet ist und der von den Mitgliedern der Visual Kei Szene adaptiert und überspitzt worden ist.

Dieses klassische Schönheitsideal hat seine Wurzel im traditionellen japanischen Noh- und vor allem im Kabuki-Theater, in dem traditionellerweise nur Männer die Bühne betreten durften und daher alle Rollen, egal ob Mann oder Frau, gleichermaßen spielen mussten. Die Visual Kei Musiker bedienten sich also dieses traditionellen Schönheitsideals, überspitzen es noch und geben ihm einen dem Zeitgeist entsprechenden Anstrich. Wegen diesem extrem femininen Style sehen sich die Visual Kei Musiker und Fans oft mit Vorurteilen und Homosexualitätsvorwürfen konfrontiert. Allerdings waren die Visual Kei Musiker nicht die ersten Musiker, die sich von der Ästhetik des Kabuki-Theaters inspirieren und beeinflussen hatten lassen.

So bediente sich zum Beispiel David Bowie schon auf seinem 1972 erschienen Album The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars einer vom Kabuki- und Noh-Theater geprägten Ästhetik und präsentierte mit der von ihm geschaffenen Kunstfigur Ziggy Stardust ein sehr androgynes Erscheinungsbild. Diese Entwicklung setzte er auch auf seinem 1973 erschienenen Album Aladdin Sane fort. Aber nicht nur Bowie, sondern auch etliche anderen Musiker, wie im Punkt über die geschichtliche Entwicklung des Visual Kei genauer besprochen wird, bedienten sich dieser Ästhetik und sorgten somit für eine Stilrückkopplung zwischen den japanischen Musikern und ihren amerikanischen und europäischen Vorbildern und Einflüssen.

So wie die amerikanischen und europäischen Musiker sich zuvor an den Elementen des Nho und Kabuki bedient hatten bedienten sich Anfang und Mitte der 80er die ersten japanischen Visual Kei Bands am Stile dieser Musiker und erweiterten ihn durch weitere traditionelle, so wie auch neue Elemente. Vor allem die zweite Generation der Visual Kei Bewegung, die sich vor allem ab Ende der 80er bis Anfang der 90er etablierte, entwickelte den Visual Kei Stil weiter und sorgte für die Entwicklung zahlreicher Unterarten des Genres.

Zum Standardrepertoire vieler Visual Kei Bands gehören demzufolge heutzutage maßgeschneiderte Kostüme, äußerst aufwendiges Make-up und Haarstyling, farbige Kontaktlinsen, falsche Gebisse und extra für die Bands hergestellte und an das Banderscheinungsbild angepasste Instrumente. Wie bereits erwähnt stehen hier die Individualität, Provokation und der Ausbruch aus der monotonen Masse im Mittelpunkt des Interesses der Künstler, wie auch ihrer Fans. Zudem wechseln die Visual Kei Musiker auch relativ oft ihr Erscheinungsbild und ihre musikalischen Stile.

Mittlerweile hat der Visual Kei Stil in der japanischen Gesellschaft einen solchen Stellenwert erlangt, dass sich eine Vielzahl von Modelabels auf die ausgefallenen Outfits und Kostüme spezialisiert haben und auch ganze Stadtviertel, wie die Takeshita Street oder die Harajuku Brücke in Tokio stehen mittlerweile unter Einfluss des Visual Kei. Ein bekanntes aus der Szene stammendes Label ist beispielsweise Moi-Même-Moitié gegründet vom Moi Dix Mois Sänger und ehemaligem Malice Mizer Frontmann Maná und sogar die Weltmarke Hello Kitty hat, als sie eine Hello Kitty Serie für jeden Stadtteil Tokyos produzierte, eine im Gothic-Stil geschminkte Katze für den für Visual Kei sehr wichtigen Stadtteil Harajuku gewählt.

Geschichtliche Entwicklung
Die Entwicklung des Visual Kei hatte ihre Anfänge Anfang der 80er Jahre. Damals übernahmen erste japanische Rockbands den von vielen amerikanischen und europäischen Musiker gepflegten extravaganten und extrovertierten Style und wollten somit ein Zeichen der Rebellion gegen die extrem konservative, von eingeschränktem Individualismus und streng geregeltem Arbeitsleben geprägte japanische Gesellschaft setzten und aus ihr ausbrechen.

Grundsätzlich kann man von einer Wechselwirkung zwischen Japan und der westlichen Welt sprechen, die in mehreren Phasen verlief:

1.Phase
Anfangs waren verschiedene amerikanische Bands, wie der bereits genannte David Bowie, oder auch Kiss, Mötley Crüe oder Twisted Sister, von der Ästhetik des Kabuki- und Noh-Theaters beeindruckt und bauten Kabuki- und Noh-Elemente in ihren persönlichen Stil ein.
Bowie war hauptsächlich von der Androgynität der Schauspieler und der damit verbundenen unzuordbaren Sexualität beeindruckt, während Kiss eher die Martialität und das dämonenähnliche Auftreten vieler Charaktere des Theaters für sich entdeckten und ihren in Stil aufnahmen.
Auch die Takarazuka Revue, eine berühmte japanische Schauspielgruppe, die Anfang des 20. Jahrhunderts gegründet worden war und in der, ganz im Gegensatz zum Kabuki-Theater, sämtliche Rollen von Frauen besetzt waren, hatte in ihrer Ästhetik eine großen Einfluss auf David Bowie und das von ihm gewählte androgyne Erscheinungsbild. Die Kabuki-Ästhetik hat auch heutzutage nicht an Attraktivität verloren. So trägt zum Beispiel Joey Jordison, Schlagzeuger der US-Band Slipnot, bei seinen Auftritten stets eine weiße Kabuki Maske.

2. Phase
In der zweiten Phase der Entwicklung, in etwa Anfang bis Mitte der 80er, übernahmen dann viele japanische Rockmusiker den bereits von japanischen Elementen geprägten Stil ihrer musikalischen Vorbilder, sowie auch eine Vielzahl neuer Stilelemente aus zahlreichen musikalischen und anderen künstlerischen Genres.
Hierzu gehörten die folgenden musikalischen Genres und Subgenres:

Glamrock-> Glam Rock war eine hauptsächlich in England populäre Richtung der Rockmusik, die Anfang der 70er Jahre ihre Blüte hatte. Stilistisch bezeichnend für die Glam-Rocker waren ihre schrillen und oft sehr femininen Bühnenoutfits und ihr Make-up, in dem sich klar die Elemente des Noh- und Kabuki-Theaters wieder finden ließen. Zu den wichtigsten Vertretern des Glam Rock zählen neben Bowie noch T-Rex, Queen, Suzie Quatro, Slade, Garry Glitter, Roxy Music und viele andere.

New Romantic -> New Romantic war eine aus dem Punk entstandene Bewegung der frühen 80er, die ihre Anhänger hauptsächlich in England hatte und mit bekannten Bands, wie Visage, A Flock Of Seagulls, Duran Duran, The Human League oder Spandau Ballet viele international bekannte Musikgruppen und Hits hervorbrachte. Für die Anhänger der New Romantic-Bewegung war das Auftreten und die Ästhetik, genau wie vorher für die Anhänger des Glam Rock und heutzutage für die des Visual Kei, eines der wichtigsten Stilelemente ihrer Szene.

Mit diesem erhöhtem Augenmerk auf Style und „Posing“, dem bewussten zur Schau stellen seines ausgefallenen Make-ups und Kleidungsstils, distanzierten sich sich bewusst von der politischen Attitüde des Punk und blieben somit, genau wie heutige Visual Kei Künstler, apolitisch. Auch die Musik war nicht mehr von rauen Gitarren, sondern von sehr stark ausproduzierten Synthesizer-Klängen geprägt und äußerst chart-orientiert.

Die Anhänger des New Romantic wollten sich nicht mehr gegen die gesellschaftliche Ordnung auflehnen, sondern Glamour, Hedonismus und ihre Eitelkeit feiern und zur Schau stellen. Wichtige Einflüsse, sowohl stilistisch, wie auch musikalisch, für die New Romantic Bewegung waren die bereits genannten Künstler David Bowie und Roxy Music.

Batcave -> Das Batcave war ein englischer Club, der im Jahre 1982 seine Türen öffnete und als Geburtsort der britischen Gothic-Szene bekannt ist, obwohl er eher als Glam Rock Club mit düstererem Einschlag konzipiert worden war. Das beste Beispiel für den vom Club konzipierten Stil ist die Glam-Goth Band Specimen, im Endeffekt setzte sich aber der Stil von Bands, wie Siouxie Sioux, Alien Sex Fiend, The Cramps oder Bauhaus durch und prägte die englische und damit weltweite Gothic-Szene.

Hauptsächlich war der Club für von der kommerziellen Ausrichtung des New Romantic enttäuschte Szenegänger gedacht, sollte etwas Neuartiges bieten und eine dunklere Neuauflage des „David Bowie Style“ Glam Rock darstellen. Letztendlich entwickelte sich dann daraus die Gothic Bewegung, die schon damals sehr großen Wert auf das Erscheinungsbild legte und auch die gefühlvollen Texte lassen sich heute im Visual Kei wieder finden.

Cyberpunk -> Cyberpunk ist eine hauptsächlich literarische Bewegung und ein Science Fiction Sub-Genre, das schon in den 60er Jahren seine Anfänge hatte. Phillip K. Dick veröffentlichte 1968 mit seinem Werk Do Androids Dream of Electric Sheep? die Romanvorlage für den 1982 realisierten Film Bladerunner und schuf damit die Grundlagen und die ersten Thematiken für die späteren Cyberpunk Autoren. Der Begriff selbst stammt vom Autor Bruce Bethke der ihn als Titel für eine 1983 veröffentlichte Kurzgeschichte wählte.

Ein weiterer wichtiger Einfluss ist der Schriftsteller William Ford Gibson, der unter anderem den Begriff „Cyberspace“ prägte und mit seinem 1984 veröffentlichten Werk Neuromancer, man beachte die namentliche Ähnlichkeit mit den bereits genannten New Romantics, das wohl berühmteste literarische Cyberpunk Werk schuf. Im Cyberpunk-Genre werden vor allem eine nahe und drohende dystopische Zukunftsvision und die damit verbundenen Thematiken Cyberspace, virtuelle Realität, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz, übermächtige Mega-Unternehmen, Mega-Metropolen und Gentechnik präsentiert und verarbeitet. Als wichtige Werke gelten neben zahllosen literarischen Veröffentlichungen unter anderem die filmischen Werke A Clockwork Orange (1971), Mad Max (1980), Blade Runner (1982), Robocop (1987), Total Recall (1990), Matrix Trilogie (1999-2003) und unzählige weitere Umsetzungen. Besonderen Einfluss auf die Ästhetik des Visual Kei hatten vor allem die vom Cyper Punk beeinflussten Anime-Filme, wie zum Beispiel Appleseed (1985), Bubblegum Crisis (1987) Akira (1988 ) und Ghost In The Shell (1995).

Neben der Literatur ist Cyber Punk auch noch ein musikalisches Genre, dessen Definition, genau wie die des Visual Kei, äußerst schwer fällt, da es in sich eine Vielzahl musikalischer Stile vereint. Dies geht sogar soweit, dass Cyberpunk als Musikgenre von vielen als nicht existent bezeichnet wird. Grundsätzlich kann man wohl alle Bands, die entweder in ihrer Ästhetik oder in ihren Texten Cyberpunk Elemente beinhalten oder verarbeiten als dem Cyberpunk zugehörig bezeichnen, auch wenn die Band nur ein Album, oder vielleicht sogar nur ein Lied mit der entsprechenden Thematik veröffentlicht hat.

Das vielleicht einzige vereinende Element der Cyberpunk Musik Szene sind Punkelemente und die Bezugnahme auf Modernes und Futuristisches. Verschiedenste Bands, wie z.B. Kraftwerk, Aphex Twin, Aural Vampire, Dieselboy, Elle Allien, Front Line Assembly, Ministry, Nine Inch Nails, The Prodigy, Rammstein, White Zombie und Sonic Youth zählen zum Cyberpunk Genre, oder lassen in einigen ihrer Texte oder ihrer Ästhetik Cyberpunk Elemente erkennen und decken somit eine unglaublich große Bandbreite von Techno, über Industrial und Drum&Bass bis hin zu Heavy Metal und Rock ab. Auch der bereits genannte David Bowie veröffentlichte mit seinem 1995 veröffentlichten Konzeptalbum Outside ein vom Cyberpunk beeinflusstes Album und Billy Idol veröffentlichte im Jahre 1993 ein Album mit Titel Cyberpunk. Viele der genannten Bands gelten als große Einflüsse für die Entwicklung der japanischen Rock- und somit auch Visual Kei-Szene.

3. Phase
Nachdem nun also die japanischen Musiker die diversen Stilelemente ihrer nicht-japanischen Einflüsse und Vorbilder übernommen, adaptiert und erweitert hatten fühlten sich nun auch andere westliche Musiker und Künstler von diesem neu kreierten Stile wiederum angesprochen und ließen sich von ihm beeinflussen. So sind zum Beispiel im Artwork des 1998 erschienenen Albums Mechanical Animals des amerikanischen Rock Musikers Marilyn Manson starke Einflüsse des Visual Kei zu erkennen. Manson war damals mit dem Visual Kei Pionier und Gitarrist der Band X-Japan Hide Matsumoto eng befreundet und lies sich auch von dessen Style inspirieren.

Doch nicht nur die Musiker waren erneut von der japanischen Ästhetik fasziniert, sondern ganze Gesellschaftsschichten konnten sich der Anziehungskraft japanischer Kulturprodukte nicht länger entziehen. So sorgte zum Beispiel das 1996 erfundene Tamagochi, nachdem es in Japan bereits einen enormen Verkaufserfolg aufweisen konnte, auch in Europa und in Amerika für verstärkte Nachfrage und teilweise sogar Lieferschwierigkeiten.

Zudem wurden nun auch japanische oder in Japan produzierte Zeichentrickserien, sogenannte Animes, wie zum Beispiel Mila Superstar, Dragon Ball, Pokemon und vor allem Sailor Moon, als solche wahrgenommen, wohingegen schon in den 70er Jahren ausgestrahlte japanische Zeichentrickserien, wie Captain Future, Heidi, Saber Rider, Tao Tao, Biene Maja oder Sindbad als einfache Animationsserien, aber nicht als typisch japanisch empfunden worden waren.

Vor allem die 1995 erstausgestrahlte Serie Sailormoon änderte dieses Empfinden aber grundlegend, löste einen wahren Anime Boom aus und ebnete den Weg für weitere Anime-Produktionen. So wuchs durch die Beliebtheit der Animes auch das allgemeine Interesse an Japan und an japanischen Kulturprodukten, wie den Mangas. So wurden zum Beispiel von der Dragonball Manga Serie, die ab 1997 im Carlsen Verlag in Deutschland erschien, bis zum heutigen Tage mehr als 6,5 Millionen Exemplare abgesetzt.

Vor allem die in den Anime-Serien verwendeten Lieder japanischer Bands sorgten bei vielen Fans für Interesse und spielten somit eine entscheidende Rolle für die Bekanntmachung und Verbreitung von Visual Kei in Deutschland und Europa. Die weitere Verbreitung von Visual Kei außerhalb Japans, und auch in Deutschland, erfolgte dann größtenteils über das Internet. Es wird vermutet, dass VK die erste Jugendszene ist, die sich komplett virtuell und nicht, wie bisher üblich, in der Subkultur einer Großstadt verbreitet hat. Ein wichtiger Moment für die Entwicklung der deutschen Szene war ein Konzert der Band Dir en Grey im May 2005. Dieses Konzert wurde nur im Internet beworben und dennoch waren die 3.500 Eintrittskarten innerhalb von 72 Stunden ausverkauft. Nach diesem Erfolg trat die Band sogar bei den großen deutschen Festivals Rock am Ring und Rock im Park auf.

4. Phase
Die zukünftige Entwicklung des Visual Kei ist schwer vorauszusehen, eine mögliche Entwicklung wäre aber die erneute Rückbeeinflussung Japans durch die westliche Visual Kei Szene. Da sich zum Beispiel die deutsche Gesellschaft von der japanischen unterscheidet und weniger mit Tabus belegt ist können die Visus in Deutschland ihre ästhetischen Vorstellungen ungehemmter ausleben und mehr in ihr Alltagsauftreten integrieren. Die japanischen Fans müssen im Vergleich dazu ganz andere Anstrengungen auf sich nehmen.
So färben sich zum Beispiel viele Fans vor den Konzerten die Haare, um ihren Vorbildern nachzueifern, müssen diese aber spätestens zu Beginn der Arbeitswoche wieder umgefärbt haben, um bei der Arbeit oder in der Schule wieder ungestraft erscheinen zu können, oder müssen die Outfits, die sie auf den Konzerten tragen vor ihren Eltern geheim halten.

Da die westlichen Fans kaum mit solchen Problemen zu kämpfen haben können sie den Visual Kei Stil fast immer tragen und deshalb wird die westliche Szene von einigen japanischen Künstlern bereits als radikaler als die japanische Szenen bezeichnet. Dieses radikalere und im gewissen Sinne auch liberalere Stilbewusstsein könnte unter Umständen nach Japan zurückschwappen.

X-Japan: Pioniere des Visual Kei
Nachdem wir diese etappenhafte Wechselwirkung zwischen Japan und der westlichen Welt genauer betrachtet haben kommen wir nun genauer auf die eigentlichen Pioniere des Visual Kei zu sprechen.
Die Vorläufer und Trendsetter des Visual Kei sind äußerst umstritten und nur schwer auszumachen. Allgemein als Proto-Visual Kei akzeptiert gilt aber die Band X-Japan, obwohl sie zu späteren Zeitpunkten ihrer Karriere ihre Ästhetik ent-radikalisierte und sich somit vom Visual Kei distanzierte.

1982 wurde die Band, damals noch unter dem Namen X, als von David Bowie und Kiss geprägte Power- und Speedmetal-Band gegründet und konnte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1997 große Erfolge verbuchen. So produzierten sie mehrere Hits, die die Spitze der japanischen Charts erreichten, konnten den Tokyo Dome, der 55.000 Besucher fast, an drei aufeinander folgenden Abenden ausverkaufen und verkauften der Legende zufolge eine Millionen Exemplare eines ihrer Alben an einem Tag. X-Japan prägten den Begriff Visual Kei in dem sie das Cover ihres 1989 erschienenen Albums Blue Blood mit dem Slogan Psychedelic Violence Of Visual Crime versahen. Ihre erste Videoauskopplung aus dem Album, erschienen im selben Jahr, trägt den Titel Visual Shock.

Ohne zu übertreiben kann man getrost behaupten, dass X-Japan alle nachfolgenden Visual Kei-Bands, sowohl durch ihre Musik, wie auch durch ihr extravagantes Auftreten und Styling, wie keine andere Band geprägt hat und immer noch als einflussreichste Visual Kei-Band genannt wird. Ob nun X-Japan wirklich die erste Visual Kei-Band war bleibt umstritten, fest steht aber, dass X-Japan die erste kommerziell erfolgreiche Band aus der gerade im Entstehen begriffenen Visual Kei-Szene war, das Interesse an Visual Kei, sowie dessen wirtschaftliche Bedeutsamkeit enorm steigerte, die Angaben über die insgesamt verkauften X-Japan Alben variieren von 5 bis 20 Millionen Exemplaren, und ab den späten 80er von vielen Nachahmern kopiert wurde.

Mit der Auflösung der Band 1997 wurde ein neues Kapitel in der Visual Kei-Szene aufgeschlagen und viele der Visual Kei-Bands der zweiten Generation, wie Malice Mizer, Dir En Grey oder Pierrot, um nur einige zu nennen, konnten sich zuerst national und dann teilweise auch international etablieren. 2007 kam es zu einer Wiedervereinigung von X-Japan.

Visual Kei Subgenres
Mit dem Aufkommen zahlreicher neue Bands Ende der 80er und Anfang der 90er festigte die Szene sich zunehmen, die Vielfalt in Ästhetik und Musik blieb aber weiterhin bestehen und es bildeten sich zahlreiche Subgenres, die im Folgenden näher beschrieben werden:
- KURAFU KEI: Aussehen eher dunkel und „hart“, vereinzelt sexuell aufreizend – genauso die Musik. Dazu gehören z.b. Dir en Grey, Aushvitz, Merry go round oder The Piass.
- ANGURA KEI: Musik + Aussehen verbinden traditionelle Elemente mit der Moderne, ist vereinzelt auch düster angehaucht. Dazu gehören z.B. Kagrra, Inugami Circus Dan oder Onmyouza.
- ERUGURO KEI: Hat oft Ähnlichkeiten mit dem Angura Kei, beschränkt sich jedoch mehr auf den mix der Erotik und der Groteske, wobei die dazu gehören z.B. Merii, Cali=Gari oder Mucc.
- KAWAII KEI: Nimmt – wie der Name sagt – als Anhaltspunkt das niedliche. dazu gehören z.b. Porori, Gurimu, Ancafe oder Pleur.
- AGURII KEI: Diese Sparte orientiert sich hauptsächlich am Aussehen der Bands. Dazu gehören z.b. Beata, Eliphas Levi oder Mamono.
- WIIRDO KEI: Die wohl abstrakte Sparte des Visual Kei. Dazu gehören z.b. Psycho le Cemu, Dokusatsu Terrorist, Guruguru Eigakan oder Beau.
- NORUMO KEI: eine der „massentauglichsten“ Unterarten. Dazu gehört z.B. Gackt, Glay, Penicillin oder L’arc en ciel.

||||| Thomas Mader |||||

5 Kommentare

  1. Kamen sagte,

    Nicht ganz fehlerfrei, aber dennoch ein recht gutes Artikel den es ein Vergnügung war zu lesen.

  2. persuastrix sagte,

    Sehr ausführliche Darlegung ^.^
    Heutzutage hat Visual Kei, J-Rock und -Pop ja längst Einzug in westliche Gefilde gehalten, insbesondere in der Gothic Szene ist „Wischel“ sehr weit verbreitet… Dem Manga/Animeboom sei Dank *lol*

  3. KB sagte,

    auch eine gute visual kei band:
    Kains Breed

    http://www.myspace.com/kainsbreed

  4. alexander sagte,

    ich glaube es müsste
    „psychedelic violence and
    crime of visual shock“
    heißen … aber ich kann mich auch irren

  5. Reita sagte,

    da fehlen noch viele Sugenres des VK
    davon gibts ne mMenge…
    Ihr habt Oshare Kei und Sutorii kei vergessen,um nur 2 beispiele zu nennen!
    na ja aber der Artikel war nit schlecht!!!

    und das sagt ein ECHTER VISU!!!!

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