Faith No More ~ Angel Dust

Vor einigen Jahren wurde sich im Hall des Nu-Metal-Trends alle paar Wochen auf Faith No More rückbezogen, und alle paar Wochen konnte man Statements von Mike Patton lesen, wie er damit nichts zu tun haben wolle. Die Bezüge, die wie Beschuldigungen klingen müssen, berufen sich nicht nur auf Faith No Mores frühen Rap/Metal/Funk-Klassiker The Real Thing, denn dann wäre Mike Patton aus dem Schneider: Er stieß erst gegen dessen Entstehungsende zur Band und konnte gerade eben noch den Gesang beisteuern. Dass Patton nicht nur danach war, mal eben ein neues Crossover-Genre populär zu machen, hatte seine Band frühzeitig gewusst, als sie ihn von Mr. Bungle abgeworben hatte. Der „Real Thing“-Nachfolger war dann entsprechend so was von anders, dass man ihm im Nachhinein fast „Kid A“-ähnliche Marktverweigerung bescheinigen kann. Dass Angel Dust den Keim des Nu Metal in sich tragen soll, liegt mitunter an dessen psychotisch wirkendem Grundmuster, für das Mike Patton dann aber wirklich die Hauptschuld trägt. Korn brachten dies in teenagergerechtere Fassungen.
Faith No More machen sich auf Angel Dust einen Heidenspaß daraus, Songstrukturen aufzulösen und in neuen Songs zusammenzusetzen, so dass sich diese erst nach mehrmaligem Hören als wahrhafte Hits erschließen. Das fängt schon beim Opener Land Of Sunshine an: Ein aus dem Takt springender Slap Bass wird pompös untermauert, während Patton im Rhythmus chinesische Glückskeksinhalte vorliest. In der zweiten Hälfte des Songs tauscht er das Gesicht und zitiert Fragen aus Scientology-Persönlichkeitstests. Dann ein Gitarrensolo, dann etwas opernhafte Dramatik. Hart rockende Postmoderne.
Wahnsinn und Exaltiertheit steuern das Album, und von dem eingängigen Headbanger Midlife Crisis bis zum komplett durchgeknallten Malpractice, bei dem selbst vor Schostakovitsch nicht Halt gemacht wird (und dessen Text womöglich einen Gynäkologenbesuch umschreibt), ist es gar kein so weiter Weg. Denn dazwischen wird das Terrain feingeistig abgesteckt. Die unscheinbare Sicherheit, die Angel Dust verbirgt, liegt nämlich in der kompletten Kontrolle über sein inhärentes Chaos. Wenn die Gewaltigkeiten in Caffeine von zurückgehaltenem Wutschnauben unterbrochen werden, dann ist dies keine doof beliebige Laut/Leise-Dynamik, sondern die schon im Leisen schwelende Aggression, die von einem polternden Bass getragen wird. Und wenn Mike Patton an der Grenze zur Parodie ist, wenn er etwa in Be Aggressive einige geschriene Textstellen mit Tenorstimme doppelt, dann ist das musikalisch stimmig. Man braucht auch gar nicht zu wissen, dass der Song von Oralsex handelt (aus Sicht des Oralen – deswegen übrigens der Cheerleader-Refrain).
An die stimmliche Gewalt von Patton reicht sowieso kaum einer heran. Er schreit, flüstert, rappt, singt opernhaft, zerrt an seiner Stimme herum, gibt sich dann wieder popkompatibel. In R.V. mimt er den sofasitzenden white trash, und selbst dabei kommt ein guter Song heraus. Am Ende von A Small Victory trägt er seinen charakteristischen grollenden Sprechgesang vor, den er im Lauf der Jahre noch verfeinerte. Vollkommen zu Recht hat Björk ihn für ihr A-Cappella-Album Medullah herangezogen. Dieser Mann ist Gold wert, wenn er denn das richtige Konzept hat. Seine Fantomas-Entgleisungen muss man nicht mögen, auch Mr. Bungle sind stellenweise unhörbar, und seine Solo-Kooperationen mit John Zorn versteht kein Mensch. Aber bei Faith No More musste sich Patton in einer Band zurecht finden, die ihn anscheinend gerade noch bremsen konnte. Dabei gab es eigentlich immer (auch vor seinem Eintritt) interne Rangeleien. Das ist das Umfeld, das dieser Mensch braucht! Gitarrist Jim Martin, der den Hauptteil von The Real Thing komponiert hatte, verlor nach Angel Dust die Lust; die Band war schneller und kündigte ihm.
Das letzte Wort aber gebührt weder Gesang noch Gitarre, sondern der Kirchenorgel. Mit ihr klingt Jizzlobber in einer irrwitzigen Dramatik aus, einem orchestralen Läuterungsschauer. Das Stück handelt von Masturbation, und es ist an Dämonenhaftigkeit kaum zu überbieten. Ein vorletzter Sarkasmus. Es folgt als Bonus die Country-Ballade Midnight Cowboy.
Und dann noch die nachgeschobene Single Easy. Deswegen wurde das Album ja erst gekauft.
||||| Henning Baucke |||||
Video zu „MIdlife Crisis„: