Endalaust, bitte! ~ Sigur Rós, live im Schlachthof in Wiesbaden, 12.08.2008

Sigur Rós sind mal wieder aus ihrer sagenumwobenen Heimat Island aufgebrochen, um gemeinsam mit dem ebenfalls aus Island stammenden Multiinstrumentalisten Ólafur Arnalds durch die Welt zu ziehen. So viel geballte Island-Power kann ja nicht anders als offene Münder, große Augen und gerührte Herzen zu hinterlassen.
Schaut man sich den Tourplan an, so bemerkt man unter Umständen die straffe Organisation, bei der ein Konzert das nächste jagt – quer über die ganze Welt. Am Abend des 12.August ist im Wiesbadener Schlachthof jedoch weder Hektik noch apathisches „Klon“-Feeling zu spüren. Ganz im Gegenteil: Sigur Rós sind konzentriert und vertieft in ihre Musik und lassen dem Moment die Chance, sich in seiner unvergesslichen Einzigartigkeit zu entfalten.
Jónsi Birgisson (vocals, guitar) äußert sich in Heima (DEM Musik-Film des letzten Jahres und überaus gelungene Darstellung der Verwobenheit dieser außergewöhnlichen Musik mit der Ursprünglichkeit Islands) folgendermaßen: „I think on stage, when everything is how it should be, like good sound and everything feels right, it is kind of float. And it’s the best feeling ever to sing for people. You actually don’t know you’re singing, it’s just totally empty headed, you’re just floating there.” Ja, das glaubt man ihm gern, besonders wenn man selbst gerade auf der Klangwelle gleitet…wenn man selbst dem Rausch obliegt, den sie durch ihre sphärische Musik zum Leben erwecken.
Die Kombination aus Musik und Kunst ist ein lukullischer Genuss, der seines gleichen sucht, und nimmt den Zuschauer mit auf eine traumhafte Reise durch die unterschiedlichsten Klangwelten. Sowohl solche, die von den älteren Alben ágætis byrjun (= „guter Anfang“, 1999) und takk… („Danke“, 2005) stammen wie beispielsweise Svefn-g-englar, Sæglópur und Hoppípolla, als auch einige des im Juni 2008 erschienen aktuellen Albums með suð í eyrum við spilum endalaust (zu deutsch = „mit Summen im Ohr spielen wir endlos“).
Für dieses Album arbeitete man diesmal mit dem Produzenten Flood (PJ Harvey, The Killers, U2) zusammen und machte einige gemeinsame Aufnahmen mit dem Londoner Sinfonietta-Orchester und dem Knabenchor des London Oratory (z.B. für den Song ára bátur). Als Location wählte man dafür keinen unlegendäreren Ort als die Abbey Road Studios, in dem 41 Jahre zuvor die Beatles Musikgeschichte schrieben.
Es ist das fünfte Album der Band und auf ihm gesellt sich zu den bekannten majestätisch ausschweifend-täumerischen Songs auch knackig-poppige Lebendigkeit. Auch auf der Bühne erhält sie Einzug: so wird der beschwingte Album-Opener gobbledigook als letzter Song der polymorphen Setlist äußerst freudig mit bunten Lichtern und bärtigen Männern und berieselndem Konfettiregen zelebriert.
Anschließend folgt nur noch die Zugabe, die bei Sigur Rós nicht klassisch aus drei Liedern besteht, sondern aus einem einzigen Song. Vielleicht steckt hier Generalisierungspotenzial: Was andere Bands in drei Liedern aussagen, vermögen Sigur Rós in einem Lied zu einer stimmigen Einheit zu komprimieren. Und was für eine! Untitled #8 (a.k.a. popplagið / the pop song) – vom ebenfalls „unbenannten“ Album ( ) aus dem Jahre 2002 – kürt diese spektakulären Stunden im Bann der Isländer. Eine letzte einzigartige 12-minütige infernalisch laute Explosion bevor der ganze Traum verpufft und man wieder in die Realität entlassen wird, in die man zunächst vielleicht Schwierigkeiten haben könnte zurückzufinden. Es ist dasselbe Stück, mit dem auch Heima seinen krönenden Abschluss findet und wo man bei Bedarf noch mal „nachgucken“ kann, was eine Sigur Rós’sche Explosion bedeutet. Kjartan Sveinsson’s Oma brachte sie einst dazu, den Fernseher auszuschalten, da sie vermutete, er wäre kaputt – wie Jónsi im Film mit einem verschmitzt sympathischen Lächeln amüsiert berichtet. In mir regt sich das Bedürfnis die Jungs auf einen noch viel größeren Podest zu erheben als denjenigen, auf dem sie ohnehin schon standen.
||||| Silke Leonhard |||||
th80de sagte,
Mittwoch, 3. September, 2008 um 8:51
Dem ist nichts hinzuzufügen. Ich habe sie einen Tag später in Berlin erlebt. Es war fantastisch. Allerdings gab es dort 3 Zugaben. Nachdem Georg am Ende von Untitled #8 die Gitarre in die Drums warf, wurde das dritte Lied dann als „Unplugged“-Version vorgetragen