Löschen und spul zurück: 1988 the Year Schwachsinn broke. Bronski Beat tanzten den Smalltown Boy auf einer Länge von 9:00 Minuten. Der geschüttelte Lonely Boy auf mindestens drei Vorstadtbahnstationen gestreckt. Krude Breaks im mitunter instrumentalen Nichts auf dem Format einer kompletten LP. Wem half eigentlich die, schon in den Siebzigern erfundene, maximal breite Rille? Den Rest des Beitrags lesen »
Vielleicht ist es zu früh, von einem Album, das erst vor acht Jahren erschienen ist, bereits als Klassiker zu sprechen. Aber gemäß dem Fall, man würde Alben und Bands in Genres einreihen wollen, und gemäß dem Fall, man könne die Deftones in das mit viel Schmach bedachte Genre des NuMetal einreihen: spätestens dann wäre es angebracht von White Pony als Klassiker zu sprechen. Den Rest des Beitrags lesen »
Pop hat ohnehin etwas Dekadentes an sich, und die Achtziger waren die bekanntlich dekadenteste Phase des Pop. Klinische Produktion und melodische Harmlosigkeit prägten die Kulisse, in der Eltern die selbe Musik hörten wie ihre Kinder (es sei denn, diese kannten Hüsker Dü). Ziemlich genau mit Einzug der Dekade hielt dieses Szenario Einstand, als Punk durch New Wave ersetzt wurde. Und ziemlich genau zehn Jahre später wurde es durch Grunge hinweg gespült. So, Peter Gabriels fünftes Studioalbum, liegt genau in der Mitte, im Jahr 1986, und hat demnach keinerlei Fluchtmöglichkeiten. Tatsächlich hat sich Peter Gabriel auf ein Werk besonnen, das sich nahtlos in diese Epoche einfügt. Pop und Achtziger: So bietet die Kombination – und zeigt deren Schönheit auf. Den Rest des Beitrags lesen »
Zum Zeitpunkt des Releases, im Jahr 1993, war In Utero ein Schlag ins Gesicht verschiedener Fraktionen: Zum einen war da die Plattenfirma, Geffen Records, die sich aus finanziellen Gründen ein zweites Nevermind gewünscht hätte. Zum anderen gab es jene Nevermind-Verehrer, die ansonsten mit Gitarrenmusik weniger, dafür aber mit Marky Mark & the Funky Bunch umso mehr am Hut hatten. Der Höreindruck anno 2007 bestätigt jedoch eine lang gehegte Vermutung: In Utero war und ist Nirvanas bestes Album.
Die besten Dinge bringt einem der Zufall. Klingt wie ein dämlicher Kalenderspruch (ist es vermutlich auch), aber es stimmt einfach. Auch wenn es um Musik geht. Das Radio bringtsie – trotz gegenteiliger und überall gleichlautender Behauptung, das Beste aus den 80ern, 90ern und von heute zu spielen – jedenfalls nicht. Nein, das Beste findet man zum Beispiel, wenn man in die Stadtbibliothek geht, und sich wahllos CDs ausleiht von Künstlern, von denen man noch nie gehört hat. Vielleicht erwischt man jede Menge Mist (dann ist man einfach nur froh, sich das Zeug nicht gekauft zu haben), aber vielleicht ist auch ein zukünftiger All-time-Favorite darunter. So wie The Hurting Business von Chuck Prophet.Den Rest des Beitrags lesen »
Es geht eigentlich kaum dramatischer: Da gibt ein etwa einmeterneunzig großer, wehmütig dreinblickender Schotte den Jester und singt derart herzergreifend, dass man meinen könnte, dieser traurige Zustand hafte seiner ewigen Natur an. Fish von Marillion hatte eine der schönsten Stimmen seiner Zeit, er weinte mit jeder Silbe, und mit jeder Silbe spürte man seinen endlos langen Leidensweg nach, der über einsame Hotelzimmer, verlassene Spielplatze und Kneipen führte und schließlich in der Musik als solcher stillhielt. In erster Linie ging es um zerbrochene Liebe und Verlorenheit. Man wollte hineinspringen in die Musik, dabei sein, helfen. Aber irgendwie war dann zu spüren, dass man eigentlich schon mittendrin stünde, weil diese Probleme uns alle betrafen, und dann fühlte man sich wiederum verstanden.
Da gab und gibt es diese Fraktion, sie reicht von Viva-Moderatoren bis zu echten Kulturjournalisten, die es fein finden, sich über Marillion lustig zu machen. Sie empfinden „Misplaced Childhood“ als Kitsch, als überkandidelten Pomp-Pop. Sie haben ja keine Ahnung. Wie es ist, beim Hören von Fishs erschütterndem Gesang und den jaulenden Gitarren Rotherys eine einzelne Träne zu ganze acht Minuten lang die Wange hinunterfließen zu lassen, während das fünfteilige „Blind Curve“ ihr Sinn verleiht. Wie danach „Childhoods End“ kommt und das Bewusstsein, dass die Musik gleich schon wieder vorbei ist, und in der Musik liegt die Kindheit und in der Kindheit sind wir.
Gerade weil sie den Kitsch, der ja auch im wirklichen Leben vorkommt, so perfekt vertonten, war diese Band ihren Hörern ungleich näher als zwanzig amerikanische Songwriter zusammen. Es waren direkte Melodien, die Marillion spielten, eingebettet in lange Suiten. So passten sie perfekt in die Spalte zwischen dem damals (vor allem aufgrund ebendieser Band) aufkeimenden Neo-Progressive-Rock und Pop, wie man ihn aus den Achtzigern kennt. In den Neunzigern, der Dekade des sublimen Krachs, der Ironie und des Schmutzes, hätten sie damit kein Bein auf den Boden bekommen. „Misplaced Childhood“ war ein kommerzieller Achtungserfolg. Da hat das ganze Anstinken der Kritiker dann doch nichts genützt, und das ist gut so. Ausgerechnet der Markt sollte diesmal für Gerechtigkeit sorgen.